Volksentscheid
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Brauchen die Münchner die «dritte Bahn»?

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Computeranimation der dritten Landebahn am Flughafen München, © Werner Hennies, Flughafen München GmbH

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MÜNCHEN / WIEN - Seit Jahren verfolgt man in Wien die Entwicklung in München mit Argusaugen, vor allem seit auch die Donaustadt zu einem Lufthansahub mutiert ist. Wie München träumt auch Wien von 'seiner' dritten Piste, doch wie hier allerorts plakativ verkündet, ist Wien eben anders - anders als in der Weltstadt mit Herz wird in Wien keiner gefragt, ob er/sie die auch will. Durchaus angebracht ist aber auch die Gegenfrage: Macht solch ein Bürgerentscheid denn überhaupt Sinn?

Das Erstaunliche an dieser 'Volksbefragung' sind nämlich die Befragten selbst. Nicht die vom Ausbau Betroffenen stimmen ab, sondern jene Mehrzahl an Bürgern, denen der Ausbau im Prinzip nur nützt: Die Münchner. Und weil der Freistaat nicht erst seit Airport-Namensgeber Franz Josef Strauß eine straff geführte Demokratie ist, geht man mit einer Doppelfrage auch noch auf Nummer Sicher.

Allen Leuten Recht getan, sei eine Kunst, die niemand kann? Irrtum, man braucht dazu nur ein universales Angebot. So werden die Münchner gleich doppelt gefragt. Die Befürworter: "Soll die Stadt (als Miteigentümer des Flughafens) zum Ausbau JA sagen, JA oder NEIN. Und am gleichen Stimmblatt gleich auch die Verhinderer: Oder soll sie besser NEIN sagen, auch dazu Ja oder Nein. Sollten sich die Antworten überschneiden (was möglich ist), gilt die überwiegende Schnittmenge. Das Ergebnis ist bindend, München hat ein Vetorecht. Probleme?

Soweit zur (politischen) Logik dieses 'bahnbrechenden' Tests der demokratischen Reife der Freistaatbürger. Unangenehmen Überraschungen vorbeugend hat dazu jetzt die als liberal geltende "SZ" (Süddeutsche Zeitung) eine eigene Umfrage gestartet, aus der auch noch ersichtlich werden soll, wer denn eigentlich wo was will oder auch nicht.

Das Geniale an der Fragestellung des Volksentscheids ist freilich der Konsens dahinter: "Brauchen (wollen) die Münchner die dritte Bahn?" Stimmig ist nämlich beides, JA, weil sie diesen Impulsgeber dringend für ihre Wirtschaft brauchen, und NEIN, weil sie mit «MUC-as-is» ohnehin schon bestens bedient sind. MUC-3 oder MUC-2, für die Münchner hat beides plausible Gründe.

Das eigentliche Thema ging in der Diskussion freilich so gut wie unter. In dem sich rasant verändernden globalen Umfeld lebt der Standort Deutschland unabdingbar von seiner wirtschaftlichen Leistungskraft. Ob die Stadt München die dritte Bahn braucht, ist nicht die primäre Frage, das Land als Ganzes benötigt eine zukunftsfähige Infrastruktur- Fakt ist, der Airport München ist, nach dem Berliner Neubau, der einzige Standort, wo zusätzliche Kapazitäten überhaupt noch möglich sind. Anders gesagt, es gibt zum Ausbau Münchens keine Alternative.

Dass der Verkehr in MUC trotz Passagierwachstum derzeit stagniert, ist nur ein vorübergehender Effekt. Der aktuelle Bedarf hat die wenigen, zuletzt durch größeres Fluggerät eingesparten Flüge schon wieder wettgemacht.

Das Maß der Dinge sind aber nicht die Buchungszahlen der Münchner, sondern die offensiven Planungen in Istanbul, Doha, Dubai, Abu Dhabi etc. Für die neuen, vor allem im Fernverkehr benötigten Kapazitäten, ist aber auch am Standort Deutschland der Ausbau seiner Verkehrsanlagen von vitaler Bedeutung. Im internationalen Vergleich: Allein in der Nahost-Region entstehen gerade neue Kapazitäten für über 300 Millionen Passagiere, fernab in Fernost sogar in Milliardenhöhe. Dagegen bringt der Pistenneubau an der Isar gerade eine Wachstumsreserve von 15 Millionen.

Die Angst vor epidemischen Effekten der längst akuten EURO-Krise ist ein mächtiger Motor für die befüchteten Folgen, und die Hand am Rückwärtsgang ein Garant, dass das Vehikel dann auch wirklich rückwärts fährt. Die von Ideologien bestimmte Krisenlogik, in Zukunft werde weniger geflogen, ist so absurd wie eine Renaissance der Monarchie. Die kollektive Forderung der Krise ist die Sanierung der Staatshaushalte und eine fundamentale Neuausrichtung der Finanzwirtschaft, und nicht die Rückkehr in eine idyllische Gartenwirtschaft.

Die Globalisierung ist Teil der humanen Entwicklung, und damit nicht nur ein wirtschaflicher, sondern primär ein kultureller Prozess, der lange vor der Industrialisierung begann. Und den wird kein auch noch so wackeliger Euro stoppen. Und auch keine politische Ideologie. Was Stimmen bringt, muss eben noch lang nicht stimmig sein. Die eigentliche Herausforderung ist ein von globalem Stress getriebener Lernprozess, unsere Mittel intelligent, sprich effizient und nachhaltig einzusetzen, bedarfsgerecht und naturverträglich. DAS ist der Job im Moos, und dazu braucht es eine klare Entscheidung, und die darf, wenn's sein muss, auch durchaus mehrheitsfähig sein.
© Bob Gedat, aero.at-Wien | Abb.: FMG | 08.06.2012 19:58


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Beitrag vom 24.11.2016 - 18:55 Uhr
Werden die trotzdem normal bezahlt (inkl. aller Zulagen) oder etwa, durch das selbstverständlich alternativlose Streiken ihrer Cockpitkollegen, finanziell geschädigt, weil sie unbezahlten Urlaub nehmen müssen?

Das wäre nur dann der Fall wenn die Lufthansa zum Mittel der Aussperrung greifen würde. Das ist aber seit 1990 in DE nicht mehr vorgekommen und wurde dann auch den restlichen Betrieb lahmlegen.

Beitrag vom 24.11.2016 - 18:34 Uhr
Die Kabine wird ganz normal weiter bezahlt.

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