Regierungsentscheid
Älter als 7 Tage

So reagieren die Airlines auf den Heathrow-Ausbau

LONDON - Gemischte Gefühle lesen sich aus den Stellungnahmen der Airlines zur Empfehlung der britischen Regierung, Londons Hauptflughafen Heathrow auszubauen. Sie argwöhnen höhere Gebühren und fordern ein Konzept über 2030 hinaus - auch Gatwick und Stansted sollten ausgebaut werden.

IAG-Schwergewicht British Airways kündigte bereits im Vorfeld der Regierungsverhandlungen an, ihr Wachstum auf externe Hubs der IAG auszulagern, sollte der mit 19 Milliarden Pfund veranschlagte Ausbau am Ende zu deutlich höheren Gebühren führen, also auf die Nutzer umgewälzt werden.

Foto
Animation zum Heathrow-Ausbau, © Heathrow Airports Limited

Für Ryanair ist ein Ausbau Heathrows nicht genug. In einer Stellungnahme erklärte Airlinechef Michael O'Leary, nur Heathrow zu erweitern sei der falsche Weg. Dies würde in Südengland die Wettbewerbsfähigkeit der anderen Flughäfen deutlich schwächen. O'Leary sieht Bedarf für gleich drei neue Runways, zusätzlich zu Heathrow auch in Gatwick und Stansted.

Virgin Atlantic
-Chef Craig Kreeger begrüßt den Entscheid vorbehaltlos. Mehr Kapazität in Heathrow bedeute für die Kunden ein verbessertes Angebot, mehr Wettbewerb, besseren Service und niedrigere Preise. Virgin verspricht eine Zusammenarbeit mit dem Flughafen, der CAA und der Regierung mit dem Ziel, die Kosten niedrig zu halten.

"Die Kunden sollen heute nicht für eine neue Piste zahlen müssen, die erst in den Mittzwanzigern zur Verfügung steht", so Kreeger.

Für Easyjet-Chefin Carolyn McCall ist der Ausbau "Good News", weil Großbritannien damit noch besser an den Weltluftverkehr angebunden sein werde. Bei ihrem Geschäftsmodell "gerechten" Gebühren würde Easyjet künftig sogar auch aus Heathrow fliegen.

Flybe sieht im Ausbau neue Chancen für mehr Konnektivität im Inland. Mehr Kapazität würde dann auch Regionalanschlüsse ermöglichen, vor allem als Zubringer für den Fernverkehr. Europas größte Regionalairline verlangt von der Regierung dazu aber für Regionalgerät leistbare Konditionen.

Laut Flughafen könnte die Zahl der Inlandverbindungen nach dem Ausbau von derzeit 8 auf 22 steigen. Zwischenzeitig will Flybe den nahegelegenen Flugplatz Northolt nutzen. Der auch von Geschäftsfliegern frequentierte RAF-Stützpunkt stünde sofort zur Verfügung, wenn die Regierung ihr OK gibt.

Erwartungsgemäß positiv reagierten Touristik-Industrie und Wirtschaft. London werde als Touristik- wie auch als Geschäftsdestination weiterhin stark wachsen, schon heute sei der Tourismus in Großbritannien der drittgrößte Arbeitgeber. Dazu solle man langfristig aber auch den Ausbau von Gatwick nicht aus den Augen verlieren, betonte Deirdre Wells Obe von "UKinbound".

Mit dem Ausbau soll die Kapazität von Europas größtem Flughafen von derzeit 75 auf zunächst 120 Millionen Passagiere steigen. Ausbauen wollen aber auch die Flughäfen Gatwick (2015 40,3 Millionen) und Stansted (22,5 Millionen).

Laut einer Prognose der Airports Commission aus dem Jahr 2014 könnte Heathrow bereits im Jahr 2030 erneut an Kapazitätsgrenzen stoßen. Mittelfristig werden in Südengland also weitere Kapazitäten benötigt, vorausgesetzt der Brexit macht allen Prognosen nicht einen Strich durch die Rechnung.
© aero.at | Abb.: Heathrow Airport | 27.10.2016 08:17

Um einen Kommentar schreiben zu können, müssen Sie sich bei aero.de registrieren oder einloggen.

Beitrag vom 27.10.2016 - 13:08 Uhr
@Guido3: Kann mich der Analyse nur anschließen. Das Projekt hat darüber hinaus aber auch eine geopolitische Dimension.

Das Weltfinanzzentrum London lebt von seinen globalen Verbindungen und die sind nur über ein zukunftsfähiges Hubsystem möglich. Dieses Geschäft ist heute von starkem Wettbewerb geprägt, weltweit. 2015 hat LHR bei der Konnektivität erstmalig seinen Platz unter den Top 10 eingebüßt (Aktuell Platz 13). Stark im Vormarsch, die Asiaten in Nah und Fernost, und die Amerikaner.

Die Entstehung neuer Megahubs am Bosporus, am Golf und in China zwingen London zum Handeln. Bei höchst unterschiedlicher Interessenlage zwischen Standort und Eigentümer. In Istanbul, Dubai und Peking steht der Staat dahinter, in Heathrow private (chinesische) Interessen. Das Mega-Abenteuer Heathrow Neu muss sich selber finanzieren. Und genau daran kann es scheitern. Am Ende dürften die rund 25 Milliarden Pfund durchaus realistisch sein. Die aber müssen erstmal vorfinanziert werden, höchstwahrscheinlich aus Gebührenerhöhungen als Vorleistung (der Kunden) für den Neubau. Die aus dem Ausbau prognostizierte Wertschöpfung von rund 200 Milliarden kommt aber hauptsächlich dem Standort zugute, und nur zum kleinen Teil dem Airport.

Dazu steht das Projekt auch unter Zeitdruck: Die Neubauten in Istanbul, Dubai und Peking gehen bereits Ende der Dekade ans Netz. Intrakontinental ist das eine mächtige Konkurrenz. Zeitdruck dürfte auch ein wesentlicher Entscheidungsfaktor gegen das (teilstaatliche) Themseprojekt gewesen sein, nicht nur die utopischen Kosten von bis zu 100 Milliarden Pfund. Die könnten sich ja durchaus rechnen. Die Wertschöpfung bei einem kompletten Neubau läge nochmals deutlich höher als in Heathrow.

Mehr Kapazität in Gatwick wäre eine Alternative, dazu braucht es aber die Kooperation der Airlines. Eine Aufgabenteilung a la Moskau wäre durchaus möglich, nur wollen das weder die Airlines noch der Standort.

Ich glaube, das Thema wird letztlich aber weder vom Standort (Regierung) noch von den Eigentümern entschieden, sondern von den Londonern. Ein Megaairport (120m+ Passagiere) mitten in der Stadt ist heute einfach nicht mehr drinnen. Allein schon wegen unabdingbarer Konsequenzen aus dem Pariser Klimaabkommen, und das spricht klar und deutlich GEGEN das Projekt.

Als wahrscheinlichsten Ausweg aus dem Dilemma sehe ich eine tiefgreifende Neuordnung des Londoner Airport Systems. Mit einem qualitativen Ausbau des Zentralairports Heathrow (ohne dritte Bahn) und quantitative Ausbauten der dezentralen Airports Gatwick und Stansted. Und letztlich (wie in der Vergangenheit) auch eine weitere Aufwertung der regionalen Standorte in Nordengland, Schottland und Nordirland. Die Briten werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie im Weltkonzert halt nicht mehr die erste Geige spielen, und daran würde mit Sicherheit auch der Themseairport nichts ändern. Ihr Brexit freilich schon gar nicht.
Beitrag vom 27.10.2016 - 09:24 Uhr
Um die Dimensionen zu begreifen: Die neue Nordwest-Startbahn in Frankfurt hat inklusive Grundstückskauf, Tunneln, Brücken und Naturschutzausgleichsmaßnahmen 760 Millionen EURO gekostet. Die in London geplante Bahn kostet ungefähr das Dreißigfache.

Die größeren Kapazitäten in Heathrow wollen alle, aber es weisen auch alle auf das Problem höherer Gebühren hin. IAG am deutlichsten - die drohen schlicht mit dem Wegzug bei Gebührenerhöhungen. Heathrow ist von den Gebühren her schon heute ein teurer Airport. Das wird mit Kosten um die 25 Mrd. EUR die mit Abstand teuerste Startbahn auf diesem Planeten. Das muss refinanziert werden und das wird ohne signifikante Gebührenerhöhungen nicht möglich sein. man kann das anhand erwarteter Passagierzahlen auf 30 Jahre überschlägig durchrechnen.

Noch höhere Gebühren kosten schlicht Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt rund um London 4 weitere Airports und die mit riesigem Abstand größte Airlinegruppe in Heathrow (IAG) betreibt mit Madrid und Dublin auch heute schon Hubs im Ausland. Man hat also Alternativen.

Auch vergessen wird: Ein signifikanter Teil des Flugverkehrs ab Heathrow hat damit zu tun, das London heute die bedeutendste Finanzmetropole der Welt ist (noch vor New York, Hong Kong, Singapur). Das wird sich durch den Brexit ändern und wahrscheinlich zu herben Passagierrückgängen führen.

Das was eigentlich die Zukunft von Heathrow sichern soll, nämlich die gigantische Investition in eine neue Startbahn, hat großes Potential, sich zum Desaster zu entwickeln. Natürlich will der Flughafenbetreiber das Risiko trotzdem eingehen. Jetzt nicht Heathrow sondern einen anderen Flughafen auszubauen, würde einen massiven Bedeutungsverlust für Heathrow bedeuten, eventuell sogar den Tod auf Raten. Da geht man lieber das Risiko dieser gigantischen Investition ein und hofft, dass das irgendwie doch gut geht.



Dieser Beitrag wurde am 27.10.2016 09:34 Uhr bearbeitet.


Stellenmarkt

Schlagzeilen

Meistgelesene Artikel

Community

FLUGREVUE 04/2014

Video-Blog

Shop

CCBot/2.0 (https://commoncrawl.org/faq/)