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Icelandair als günstige Premium-Alternative über den Atlantik

HAMBURG - Icelandair ist eine boomende Airline, im vergangenen Jahr knackte sie mit 4,1 Millionen Passagieren erstmals die Vier-Millionen-Marke. Noch 2009 beförderte sie gerade mal 1,3 Millionen Passagiere. Dann kam 2010 der Vulkanausbruch auf der Atlantikinsel, der den Passagierverkehr über Europa tagelang lahmlegte.

Dieses Naturereignis, so sind sich Experten einig, brachte Island auf die weltweite Tourismuskarte. Unfassbare Wachstumsraten von zeitweise 40 Prozent im Jahr waren die Folge. Die Flotte von Icelandair ist inzwischen auf stattliche 30 Flugzeuge (26 Boeing 757, vier Boeing 767-300) angewachsen.

Flugbericht Icelandair
Airline
Icelandair
Flugzeugtyp
Boeing 757-200
Kabine
Saga Business Class
Datum
22. September 2017
Route
Keflavik - Hamburg
Flug
FI510
Solche Größenordnungen muss man immer im Lichte der Tatsache betrachten dass die Insel nicht einmal 340.000 Einwohner hat. Aber die Isländer waren bereits seit den 1960er Jahren sehr geschickt darin, ihre günstige geographische Lage in der Mitte des Atlantiks auszunutzen, um günstige Umsteigeverbindungen zwischen Europa und Nordamerika anzubieten.

Anfangs taten sie das unter Umgehung des damaligen IATA-Kartells von Luxemburg aus. Heute geht Icelandair vor allem in Deutschland in die Breite: Frankfurt, München und ab 3. November auch Berlin-Tegel werden ganzjährig bedient, Hamburg saisonal, aber erstmals auch im Winter.

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Icelandair Boeing 757-200, © Andreas Spaeth

In Nordamerika kommen 2018 noch zwei Ziele hinzu, Dallas/Fort Worth und Cleveland, Icelandair bindet damit über ihren effizienten Hub in Keflavik 20 Ziele in den USA und Kanada an, oft mit Umsteigezeiten von nur rund einer Stunde. Und die Reisezeiten sind nicht länger als wenn Passagiere etwa aus Berlin oder Hamburg anderswo umsteigen müssten.

Ich bin an diesem dunklen Septembermorgen nur von Reykjavik nach Hamburg unterwegs. Bereits um halb sechs morgens geht es bei starkem Regen mit dem Flybus zum fast 50 Kilometer entfernten internationalen Flughafen Keflavik.

Dort herrscht trotz früher Morgenstunde reges Treiben im Terminal, schließlich steht morgens zwischen 6 und 8 Uhr der große Morgenknoten mit Flügen aus Amerika und nach Europa im Flugplan. Und offensichtlich machen viele Passagiere einen Stopover auf Island, was Icelandair sehr aktiv bewirbt und dafür keinen Aufpreis aufs Ticket verlangt.

Ich reise nur mit Handgepäck und ziehe meine Bordkarte an einem Automaten, meinen Platz 4A hatte ich online reserviert.

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Icelandair Saga Lounge, © Andreas Spaeth

Dann geht es ein Stockwerk nach oben. Die Anzahl der Spuren bei der Sicherheitskontrolle sind in Keflavik mehrfach erhöht worden und die Anzeige sagt dass es etwa zehn Minuten dauert. Eine ausgewiesene Fast Lane für Business-Gäste sehe ich nicht, aber entdecke kurz vor Erreichen der Haupt-Warteschlange einen seitlichen Zugang.

Ein Fels in der Lounge

Ich scanne meine Bordkarte, erhalte Einlass, bin innerhalb von zwei Minuten durch alle Kontrollen. Jetzt begebe ich mich durch das rappelvolle Terminal in die neue Saga Lounge von Icelandair, die seit ihrer Eröffnung im Mai 2017 als großer Wurf gepriesen wird. Und groß ist es hier wirklich - über 1.300 Quadratmeter. Aber auch verdammt voll um diese Zeit.

Sitzgelegenheiten aller Art gibt es genügend in den riesigen Räumlichkeiten, aber am Frühstücks-Buffet wird es eng und die Angestellten kommen nicht nach, neues Geschirr bereitzustellen oder Eier und Müsli aufzufüllen. Von dem versprochenen Panoramablick ist bei diesem Wetter leider nichts zu sehen, als es zögerlich hell wird.

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Icelandair Saga Lounge, © Andreas Spaeth

Erstmal durchschreite ich die sehr geschmackvoll gestaltete Lounge. Hingucker ist ein riesiger Felsblock, ein sogenannter Elfenstein. Wenn man versucht den zu verrücken finden das nach isländischer Mythologie die darin wohnenden Elfen gar nicht gut und legen sich quer. Echte, kleinere Felsstücke sind auch anderswo im Raum verteilt, ein immer wieder überraschender Anblick.

Zweiter Hingucker ist eine runde, gläserne Feuerstelle in der Raummitte, um die herum man es sich auf bequemen Sesseln gemütlich machen kann. Beinahe schade, dass die Umsteigezeiten in Keflavik oft sehr kurz sind, sich daher nur wenige Passagiere hier länger aufhalten.

Das merke ich auch jetzt, denn urplötzlich ist es in der Lounge weitgehend leer und ich kann in Ruhe und ohne Gedränge am Buffet meinem Frühstück frönen. Sogar die Toiletten sind mit hinterleuchteten isländischen Landschaftsbildern dekoriert, geräumige Duschen gibt es auch. Eine definitiv beeindruckende Lounge, die ein wichtiger Bestandteil des Saga Class-Produkts ist.

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Icelandair Saga Lounge, © Andreas Spaeth

Als es Zeit zum Einsteigen ist gehe ich zum Gate. Auch hier keine besondere Beschilderung, aber neben der langen Warteschlage links gibt es einen weiteren Eingang rechts, auf den ich zielstrebig zugehe und sofort einsteigen kann. Ohne ein gewisses Selbstbewusstsein als Saga Class-Kunde steht man hier vermutlich unnötig häufig an, eine deutlichere Beschilderung, etwa auch zur Lounge, wäre hilfreich.

Heute morgen fliegt uns die Boeing 757-200 mit dem Kennzeichen TF-FIC und dem Namen Magni. Wie alle Icelandair-Flugzeuge nach einem Vulkan benannt, werden Passagiere schon beim Einsteigen durch die mittlere rechte Tür darauf hingewiesen, um was für einen Vulkan es sich handelt. Damit beginnt die Kundenreise nach Island.

Auch wenn die Hälfte aller Passagiere hier nur umsteigt soll doch jeder trotzdem einen intensiven Sinneseindruck von Island mitnehmen, und idealerweise das nächste Mal einen Besuch einplanen. "Wir nennen das isländisches Mantra", sagte mir CEO Birkir Holm Gudnason, es wurde vor rund zehn Jahren bei Icelandair eingeführt.

Gutes Airline-Branding erzählt eine Geschichte darüber, wo die Airline herkommt, und das beherrscht Icelandair meisterhaft. Beim Einsteigen ertönt isländische Musik, im gesamten Audio-Programm gibt es fast nur isländische Interpreten, sogar auf den Spucktüten werden isländische Begriffe erklärt. Derart perfektes Tourismus-Marketing für ihr Heimatland schafft kaum eine andere Airline.

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Icelandair Business Class, © Andreas Spaeth

Icelandair betrieb lange eine reine Boeing-757-Flotte, bevor die ersten 767 dazu kamen, und ab nächstem Jahr die ersten neuen 737 MAX eintreffen. Derzeit ist die Flotte mit durchschnittlich fast 22 Jahren recht alt, und auch die Magni wurde bereits im Jahr 2000 neu an American Trans Air geliefert.

Das sieht man ihr innen allerdings nicht an, die Kabine wirkt sauber und gepflegt. Die Saga Class besteht aus fünf Reihen in 2+2-Bestuhlung. Die grauen Ledersessel bieten allerdings gerade mal 40 Zoll (gut 101cm) Abstand und eine spärliche Neigung von sechs Zoll, mit der Fußstütze wirken sie in ihrer Physis stark wie eine gute Premium Economy Class.

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Icelandair Business Class, © Andreas Spaeth

Die allerdings befindet sich heute erst in den Reihen ab fünf, häufig kommen die Passagiere in Reihe fünf in den Genuss der Business-Sitze, insgesamt verfügen die meisten 757 über 22 der Sessel. Dieses Bordprodukt heute Business Class zu nennen ist allerdings leicht verwegen, jedenfalls was die Hardware betrifft, und wenn man über Langstrecken von bis zu acht Stunden Flugdauer wie Keflavik-Portland/Oregon als längster Route spricht.

"Wir sind die einzige Airline, die innereuropäisch echte Business-Sitze anbietet", sagt CEO Birkir Holm Gudnason zu recht, "auf dem Nordatlantik positionieren wir die Saga Class als Value for Money-Angebot". Tatsache ist, dass Icelandair etwa Hamburg-New York im November ab 1.639 Euro in Saga Class anbietet und in Economy Comfort ab 1.132 Euro verlangt.

Bei Lufthansa kostet die Passage 3.789 Euro in Business Class mit Lieflat-Sitz und 697 Euro in Premium Economy. Genaue Vergleiche von Produktumfang und Preis lohnen sich also.

Günstiges WLAN

Vor dem Start bietet mir die Flugbegleiterin ein Schnapsglas mit grünem Inhalt an - einen Apfel-Ingwer-Spinat-Shot. Tolle Idee und sehr lecker, ich bestelle gleich einen zweiten und bedaure dass das Glas so klein ist. Zwölf Minuten nach der geplanten Startzeit rollen wir los, die Maschine ist gut besetzt.

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Icelandair Business Class, © Andreas Spaeth

Ich habe auf dem Hinweg gelernt, dass Icelandair WLAN an Bord anbietet, und zwar von Gate zu Gate, also sofort nach dem Einsteigen. Und noch besser: Es ist gratis in der Saga Class. Auch das wird nicht sehr offensiv kommuniziert. Wegen meist hoher Gebühren nutze ich WLAN an Bord sonst eher selten.

Aber Icelandair verlangt sogar in Economy Class nur vier Euro für den gesamten Flug, ein Schnäppchen. Der Bildschirm am Platz ist groß, das Angebot an Audio und Filmen überschaubar, aber mit freiem WLAN ist mir mehr gedient, ich arbeite. Allerdings sind die geräuschmindernden Leihkopfhörer sehr angenehm dabei, dazu leise, sphärische isländische Klänge.

Ich hatte mir vorab online für Hin- und Rückflug Essen bestellt, was sich als gut erweist, da die an Bord gebotene Auswahl sehr überschaubar ist. Um genau zu sein: Auf diesem Morgenflug gibt es überhaupt keine Auswahl, und daher auch keine Speisekarte. 40 Minuten nach dem Start erhalten meine Mitreisenden ein Einheitsfrühstück, Joghurt, Müsli, Omelette mit Spargel, soweit ich es erkenne.

Ich hatte ja bereits in der Lounge ordentlich gefrühstückt und bitte daher, mein Essen erst anderthalb Stunden nach dem Start zu bekommen. Kein Problem sagt die Flugbegleiterin, denn ich habe "Nordische Tapas" geordert, und die sind eh kalt. Was ich dann bekomme sieht optisch nicht überwältigend aus, und ich hätte auch gern gewusst von was für einem Tier das aufgeschnittene Fleisch stammt.

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Icelandair Business Class, © Andreas Spaeth

Für mich ist das ganze eher wie ein typisch deutsches Abendbrot, wenn man mal vom kanadischen "Breakfast Syrup" für den Joghurt absieht. Sehr lecker die mit Chilli marinierten Shrimps, in Ordnung der Gravad Lachs mit Honig-Senf-Sauce und der Briekäse, dazu gutes Schwarzbrot. Alles solide, aber ein wenig langweilig und ohne Pfiff etwas lieblos angerichtet.

Das gleiche war mir bereits auf dem Hinflug aufgefallen, wo mein bestelltes Lammfilet doch ziemlich einsam auf dem Teller lag. Schmunzeln muss ich, als ich die ebenfalls mit Vulkannamen verhüllten Schokoladen-Täfelchen sehe, auf einem steht "Eyjafjallajökull", jener notorische Berg von 2010.

Wir landen schließlich pünktlich in Hamburg nach einem entspannten Flug von zwei Stunden und 53 Minuten.

Bewertung

Icelandair bietet eine Vielzahl guter Verbindungen von Europa via Island nach Nordamerika. Die Airline schafft es auf besondere Weise, ihrem Produkt isländisches Flair einzuhauchen, ein Vorbild für andere Firmen. Auf Flügen zwischen Europa und Island ist ihre Saga Business Class ein Spitzenprodukt.

Für echte Langstrecken nach Nordamerika allerdings lässt der Sitzkomfort arg zu wünschen übrig und kann nicht mit der Business Class anderer Airlines konkurrieren, auch wenn Icelandair ihr Premium-Produkt oft deutlich günstiger anbietet.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 12.10.2017 12:15


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