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In der Boeing 767-300 setzt Air Astanas Business Class Maßstäbe

ASTANA - Ein Flug in der Business Class der Air Astana von Astana nach Frankfurt ist ein angenehmes Erlebnis - zumindest in der Hauptsaison. Dann kommen die Boeing 767-300ER der Airline zum Einsatz. Dank fürsorglicher Flugbegleitung kann sich der Passagier sogar wie der Protagonist eines Werbespots fühlen.

Kasachstan klingt für Mitteleuropäer sehr weit weg und sehr exotisch, kaum jemand hat eine Vorstellung von diesem riesigen Land. Immerhin ist es das neuntgrößte der Erde, hat aber nur 18 Millionen Einwohner, seine Wirtschaft dagegen ist gerade mal halb so groß wie die Irlands.

Flugbericht Air Astana
Airline:
Air Astana
Flugzeugtyp:
Boeing 767-300ER
Kabine:
Business Class
Datum:
30. September 2017
Route:
Astana-Frankfurt
Flug:
KC921
Wie weit es weg ist sieht man daran, dass es etwa aus Deutschland Geschäftsreisende oft via Kasachstan nach Urumtschi ganz im Nordwesten Chinas reisen, was nur noch gut eine Flugstunde von den großen Drehkreuzen Kasachstans entfernt liegt.

Und daran, dass der Flug von Frankfurt nach Astana, der erst vor 20 Jahren in die Steppe gestampften Hauptstadt Kasachstans, weniger als sechs Stunden dauert, die Zeitverschiebung zur Mitteleuropäischen Sommerzeit allerdings plus vier Stunden beträgt.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Bis Ende 2016 standen Kasachstan und alle hier registrierten Flugzeuge auf der sogenannten Schwarzen Liste der EU, waren also mit Einflugverbot belegt. Aber es gab immer eine leuchtende Ausnahme: Air Astana, die vor 15 Jahren gemeinsam von BAe Systems aus Großbritannien und einem kasachischen Fonds gegründet wurde.

Ihr charismatischer Chef, der Engländer Peter Foster, ließ die Flotte auf der unter niederländischer Aufsicht stehenden Karibikinsel Aruba registrieren und konnte so ohne Unterbrechung Ziele in der EU bedienen.

Code Sharing mit Lufthansa

Da es enge ethnische Verbindungen zwischen Deutschland und Kasachstan gibt, wo viele deutschstämmige Menschen leben, ist die täglich bediente Route von Astana nach Frankfurt die wichtigste Europastrecke der Gesellschaft.

Gleichzeitig unterhält Air Astana ein Code Sharing mit Lufthansa, die Astana ebenfalls anfliegt. Lange hat Air Astana Frankfurt mit der Boeing 757 angeflogen, die naturgemäß aufgrund ihres schmaleren Rumpfes nicht den gleichen Komfort bietet wie ein Großraumflugzeug.

Neuerdings kommt zur Hauptsaison von Mitte Mai bis Mitte Oktober die Boeing 767-300ER zum Einsatz, und das ist ein Quantensprung beim Produkt, vor allem in der Business Class.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Wo die 757 mit rund 20 Jahren schon recht betagt sind, Air Astana fliegt drei ehemalige LTU-Jets, sind die 767 die neuesten, die es gibt: Air Astana hat 2013/14 die letzten zivilen Boeing 767 in der Passagierversion erhalten, die Boeing je gebaut hat.

Ich will an diesem Herbstsamstag zurück von Astana nach Frankfurt. Der in seiner heutigen Form erst 2005 eröffnete Hauptstadt-Flughafen hat im Juni mit einem zweiten, großzügigen Terminal seine Kapazität verdoppelt, Anlass war die Weltausstellung EXPO 2017, die kürzlich endete.

Damit befindet sich der Flughafen Astana jetzt mit seinen Gebäuden auf Weltniveau. Alles großzügig und gläsern, außerdem alles andere als überfüllt.

Ich reise nur mit Handgepäck, hole mir trotzdem am Schalter meine Bordkarte ab und gehe dann die Rolltreppe nach oben zu Sicherheits- und Passkontrolle, alles zusammen dauert nicht einmal fünf Minuten.

Keine eigene Business Lounge

Erstaunlicherweise hat die sich als Qualitätsairline verstehende Air Astana bis heute nirgends eine eigene Lounge, auch an ihren beiden wichtigsten Drehkreuzen Almaty (mit seinem veralteten Terminal) und Astana (weder im alten noch im neuen Terminal) nicht.

Daher nutzen Business-Gäste in Astana die neue flughafeneigene Lounge. Die ist riesig und elegant, bietet hundert gemütliche Sitzplätze, und ist beinahe menschenleer.

Kalte und warme Snacks stehen auf einem Buffet zur Selbstbedienung bereit, alle Getränke werden von einer Dame am Tresen ausgegeben. Warum hier nicht einfach Selbstbedienung herrscht verwundert, vielleicht um Alkohol-Exzesse zu verhindern.

Aktuelle internationale Presse nur online

WLAN funktioniert im gesamten neuen Terminal gratis und gut. Dafür besteht die einzige nicht-kasachische gedruckte Lektüre in der Lounge aus zehn Tage alten Ausgaben der englischen Regierungszeitung, peinlich.

Das Boarding für den um 16.10 Uhr Ortszeit geplanten Abflug beginnt erst gegen 16 Uhr, erstaunlich spät. Heute fliegt die 2013 gebaute 767 mit dem Kennzeichen P4-KEA, sie kommt wie immer bei diesen Flügen zuvor aus Almaty und steht eine knappe Stunde am Boden.

Dabei müssen auch Transit-Passagiere aussteigen und die Ausreise hier erledigen, genauso wie umgekehrt die aus Frankfurt landenden Passagiere im Transit nach Almaty. Ich kann als Business-Gast sofort einsteigen.

Stilvolle Business Class

Die Business Class von Air Astana ist schon beim Betreten der Kabine ein echter Hingucker.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Moodlighting erleuchtet die Szenerie in gedämpftem Blau, die 30 Sitze des Modells Thomson Vantage (angeordnet 1-2-1) sind in verschiedenen Grautönen bezogen, akzentuiert durch zwei blaue Streifen und vor allem durch die neu gestalteten Kissen und Kopfende-Abdeckungen in sehr elegantem Muster.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Alleinreisende, und das sind die meisten Business Class-Kunden, finden am Fenster Einzelplätze. Mit Abstand am besten dabei sind die Sitze in den ungeraden der acht Sitzreihen, also 1,3,5 und 7, jeweils A und K. Dort steht der Sitz direkt am Fenster und der fest eingebaute seitliche Tisch schirmt den Sitz zum Gang hin ab.

Die anderen Einzelsitze haben den Nachteil, dass sie quasi offenstehen zum Gang und einen damit Vorbeilaufende häufig ungewollt berühren. Ich sitze auf 7K.

Tagespresse an Bord

Was die Lounge versäumt, holt Air Astana nach: Schon beim Einsteigen gibt es für alle auch deutsche Tageszeitungen und Magazine.

Kaum Platz genommen kommen Flugbegleiterinnen in eleganten Uniformen, viele von ihnen sehr charmant, bieten Wasser, frisch zubereitete Limonade (ich mochte die gelbe lieber als die rote) sowie Taittinger-Champagner vom Tablett an.

Tolle Besatzung

Generell habe ich fast alle Air Astana-Besatzungsmitglieder, ausschließlich Kasachen, als sehr zugewandt und engagiert erlebt. "Wir haben eine High Performance-Kultur, Leute die im Leben was erreichen wollen kommen zu Air Astana, das ist unser großer Vorteil", sagte mir der CEO Peter Foster einige Tage zuvor.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Und das merkt man hier wirklich. Gleichzeitig kann Air Astana als Full-Service-Gesellschaft zu unglaublich günstigen Kosten produzieren, die auf dem Niveau von Ultra-Billigfliegern liegen.

Trotz späten Einsteigens rollen wir nur mit wenigen Minuten Verspätung los, starten und fliegen über die aus der Luft retortenhaft wirkende Hauptstadt, an die sich direkt die endlose Steppe anschließt. Die Flugzeit ist mit fünf Stunden 40 Minuten berechnet.

Breites Audioangebot und einladende Speisekarte

Ich fahre meinen Sitz zurück, sehe, dass das IFE insgesamt 46 Filme und 1.294 Audioangebote bereithält, höre in ein R&B-Album rein. WLAN an Bord gibt es in dieser 767 noch nicht, Air Astana hat gerade die erste von drei 767 damit ausgerüstet, die anderen folgen.

Der Service beginnt, zuerst bekommen alle ein heißes Tuch, bereits 25 Minuten nach dem Start rollt der Trolley an mit Aperitifs und Canapées.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Das war ein Kritikpunkt auf dem extrem kurzen Nachtflug aus Frankfurt nach Astana – dort war der Service leider sehr verlangsamt, obwohl es da auf jede Minute Schlaf mehr ankommt, die man noch bekommen kann. Ich werfe einen Blick in die Menükarte, die wie vieles in Kasachstan dreisprachig ist – kasachisch, russisch und englisch.

Zur Wahl stehen vier Hauptgerichte: Hähnchenbrust mit Karotten-Kartoffelpüree und grünen Bohnen, Rinderfilet mit Kartoffelgratin und Rotweinsauce, Fischfilet mit Cous Cous und geröstetes Gemüse in Kokossauce mit Reis. Ich entscheide mich für die vegetarische Option, nachdem in Kasachstan schon ständig Fleisch serviert wurde.

Relativ zügig kommt das Tablett auf mein Tischchen, das auszufahren übrigens beim Vantage-Sitz, der auch etwa bei SAS, Delta und Qantas fliegt, einige Übung erfordert. Ich habe die Suppe bestellt, freue mich immer wenn Airlines Suppen servieren.

Blaues Licht irritiert beim Essen

Leider kann man das Essen in seinen natürlichen Farben kaum sehen, so intensiv leuchtet jetzt die blaue Stimmungsbeleuchtung, warum das sein muss, wo es draußen ohnehin hell ist, verstehe ich nicht.

Jedenfalls ist die Suppe aus gerösteten Paprika durchaus lecker, auch wenn sie in diesem Licht blau schimmert anstatt orangerot. Die Weinliste enthält zwei Rote und zwei Weiße. Als ich nach dem Chablis frage, der mir auf dem Hinflug geschmeckt hat, sagt Nikola, die Flugbegleiterin, den hätte sie heute nicht.

Und kommt kurz darauf von selbst mit zwei Flaschen zum Probieren, einem südafrikanischen Chardonnay und einem Elsässer Riesling. Nette Geste, ich nehme den Kap-Wein.

Richtige Wahl

Die kalte Vorspeise (Entenbrust mit Zwiebelconfit) ist sehr lecker. Dazu gibt es ein lustiges Brötchen in drei Farben, allerdings schmecken alle drei Teile etwas fad.

Das Hauptgericht dagegen trifft genau meinen Geschmack: Große Stücke von Süßkartoffeln, Auberginen und Kürbis in einer leckeren Kokossauce, dazu Basmatireis.

Vor mir sehe ich einen faustgroßen Block Rindfleisch auf dem Teller eines Mitreisenden, da ist mir mein feines, leichtes Gericht wesentlich lieber.

Ich bin immer wieder erstaunt wenn mir Airlines in Business Class meine Bitte verwehren, sowohl Käse als auch süßes Dessert zu bestellen plus eventuell ein paar Früchte.

Nikola macht ein sorgenvolles Gesicht als ich meinen Wunsch äußere, verspricht dann, zu sehen was übrigbleibt und mir davon zu bringen.

Kulinarisch hohes Niveau

Ich widme mich dem Käseteller, der ist hervorragend: Emmentaler, Ziegenkäse mit grobem Pfeffer und Blauschimmel-Käse, alle sehr geschmackvoll. Dazu Crisp-Brot und ein extrem leckeres Chutney aus Aprikosen, Datteln und Kürbiskernen, wow!

Und dann erscheint Nikola wieder und stellt stolz ein kleines Schälchen mit einem Mini-Stückchen Pflaumen-Streuselkuchens vor mich hin. Auch einen großen Becher (elegantes Porzellan!) heißen Earl Grey-Tees bringt sie wunschgemäß. Kulinarisch ist Air Astana auf hohem Niveau unterwegs.

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Air Astana Business Class, © Andreas Spaeth

Nach dem üppigen Mahl ist mir spontan nach einem Mittagsschlaf, ich fahre meinen Sitz zur flachen Ebene aus.

Etwas irritierend ist, dass es mir nicht gelingt, die Armlehne an der Fensterseite zu versenken und damit meine Liegefläche zu verbreitern, das hatte ich schon auf dem Nachtflug nicht vermocht, dabei bin ich mir sicher dass das bei den Vantage-Sitzen möglich ist.

Fürsorgliche Begleitung

Trotzdem döse ich schnell weg, bis ich merke dass Nikola neben mir steht und tatsächlich eine Decke über mich ausbreitet. Das sieht man sonst nur immer in kitschigen Airline-Werbespots, ich erlebe das persönlich zum ersten Mal.

Inzwischen war das Moodlighting ganz abgestellt, kurz vor der Landung, draußen ist es immer noch hell, geht es wieder an. Diese Lichtspielereien wirken sehr willkürlich auf dem Tagflug, es fehlt ein klares Konzept. So oder so ein sehr entspannter Flug, wir landen überpünktlich nach nur fünfeinhalb Stunden Flugzeit.

Bewertung

Air Astana, international weitgehend unbekannt, legt die Messlatte in Business Class an Bord der Boeing 767 hoch und kann sowohl bei Sitzen, im Service und beim Catering mit weltweit führenden Airlines mithalten.

Schade, dass dann in der Wintersaison von Mitte Oktober bis Mitte Mai "nur" die Boeing 757 nach Frankfurt fliegt, die bei weitem nicht das gleiche Niveau bieten kann. Hier wäre ein einheitliches Großraum-Produkt sehr wünschenswert.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 20.10.2017 12:42


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