Kooperation Air France-KLM-GOL
Älter als 7 Tage

Fortaleza wird Europas neues Tor nach Brasilien

FORTALEZA - Wer von Europa nach Brasilien reiste, kam bisher auf dem Weg zum eigentlichen Ziel kaum am Drehkreuz São Paulo vorbei. Eine Kooperation zwischen Air France-KLM und der brasilianischen GOL will das nun ändern und Fortaleza als neues Drehkreuz im Nordosten einrichten.

Brasilien steht nach Landesgröße und Bevölkerungszahl (210 Millionen) an Platz fünf weltweit. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern unter den Top Fünf allerdings findet internationaler Flugverkehr von und nach Brasilien im wesentlichen über einen einzigen Flughafen statt, São Paulo-Guarulhos.

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KLM auf dem internationalen Flughafen in Fortaleza, © Andreas Spaeth

Mit 37,8 Millionen Passagieren lag GRU, so der Drei-Letter-Code, 2017 weit vor Rio de Janeiros Galeão Airport mit 16,2 Millionen Passagieren. Rund drei Fünftel des gesamten internationalen Flugverkehrs in Brasilien werden in São Paulo abgewickelt, obwohl die Metropole weit im Süden des Landes liegt.

Tausende Kilometer und viele Flugstunden entfernt von Großstädten des Nordens und Ostens. Diese liegen viel näher an Europa, doch sind europäische Passagiere bisher meist zu extremen Umwegen über Guarulhos gezwungen. Ausnahmen sind etwa TAP Air Portugal und Condor.

TAP Air Portugal hat das bei weitem größte Brasilien-Angebot aller internationalen Airlines. Vor der Wirtschaftskrise in Brasilien 2016 flog sie aus Lissabon nonstop zwölf Destinationen in Brasilien an, derzeit sind es zehn, darunter alle größeren Städte der Nordostküste wie Salvador, Recife, Natal und Belem.

Wer sich der TAP-Marktmacht mit oft hohen Tarifen nicht unterwerfen wollte konnte bisher entweder zunächst zum Beispiel von Frankfurt rund zwölf Stunden lang nach São Paulo fliegen, um anschließend auf einem Inlandsflug mehrere Stunden zurück in den Norden zu reisen. Oder er fand in Condor eine günstige Alternative für Flüge etwa von Frankfurt nach Recife oder nach Fortaleza.

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Jean-Michel Mathieu, CEO Joon. Pieter Elbers, CEO KLM. Paulo Kakinoff, CEO GOL, © Andreas Spaeth

Anfang Mai nun haben Air France/KLM und ihr brasilianischer Partner GOL, Marktführer im Inland, ein neues Drehkreuz für Europa-Flüge und innerbrasilianische Anschlüsse in Fortaleza in Betrieb genommen. Fortaleza ist die 2,6 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt des Bundesstaates Ceará am nordöstlichen Zipfel Brasiliens.

„Dies ist das erste Mal dass Air France und KLM gleichzeitig und im Bund mit einem lokalen Partner ein interkontinentales Drehkreuz eröffnen“, sagte Pieter Elbers, KLM-CEO in Fortaleza.

Die Freude war nicht ungetrübt angesichts der Streiks bei Air France und des Rücktritts von Jean-Marc Janaillac als CEO, der eigentlich mit in Brasilien sein wollte, dann aber aus naheliegenden Gründen in Paris blieb.

Zur Feier des Neu-Anflugs kamen KLM mit einer A330 und Air France-Billigableger Joon mit der A340 fast zeitgleich und am selben Tag nach Fortaleza. Die Flugzeit von Amsterdam bzw. Paris-CDG beträgt nur knapp neun Stunden.

Nicht ohne GOL

Regulär teilen sich beide Gesellschaften die Woche auf, KLM fliegt dreimal, Joon zweimal, ab Winterflugplan dann ebenfalls dreimal. "Wenn man zum Beispiel von Hamburg nach Manaus fliegen will, spart die neue Verbindung dem Passagier mindestens acht Stunden Reisezeit“, so Pieter Elbers. "Brasilien ist zur Zeit unser größter Wachstumsmarkt, aber dieses neue Drehkreuz hätten wir ohne unseren Partner GOL nie eröffnet.“

Der frühere Billigflieger GOL hat sich inzwischen mit einem Marktanteil von 38% (Januar 2018) im Inland zum größten Anbieter und zu einer Hybrid-Airline entwickelt. Statt No Frills bietet GOL inzwischen Gratis-Bordservice plus Buy-on-Board-Angebote, außerdem vordere Sitzreihen mit bis zu 34 Zoll Sitzabstand sowie schnelles Internet und Live TV an Bord.

Nach großen Einbrüchen während der Wirtschaftskrise seit 2016 ist GOL, an der Air France/KLM zu 1,5% und Delta Air Lines zu 9,5% beteiligt ist, wieder im Expansionsmodus. "Wir sehen Potenzial für bis zu 7% Wachstum jedes Jahr für die kommenden sieben Jahre“, so CEO Paulo Kakinoff zu aero.de.

Derzeit verfügt GOL über 120 Boeing 737-700 und -800, ab Juni stehen die ersten von 120 bestellten 737 MAX 8 zur Lieferung an. "Wir stationieren jetzt sechs Flugzeuge in Fortaleza und eröffnen dort unseren viertgrößten Hub in Brasilien“, so Kakinoff, "damit bieten wir 50 tägliche Flüge zu elf Zielen, unter anderem nach Salvador, Recife, Natal, Manaus und Belem. Ein Drittel aller internationalen Brasilien-Passagiere will nicht in den Großraum Rio/São Paulo, für die ist das eine wesentliche Verbesserung.“

Für dieses Jahr erwarten Air France und KLM 80.000 Passagiere auf ihren Fortaleza-Flügen, 2019 sollen es schon 140.000 sein. "40% aller Joon-Kunden werden in Fortaleza auf GOL-Flüge umsteigen“, schätzt Air France-Verkaufsvorstand Patrick Alexandre, bei KLM sind es auf den bestehenden Brasilien-Verbindungen bereits ein Fünftel.

Auch Fortaleza selbst bietet Potenzial für Geschäftsreiseverkehr, etwa wegen einer Kooperation für ein neues Hafenprojekt mit Rotterdam, aber auch für Touristen: die Region mit ihren langen Stränden ist vor allem bei Kitesurfern beliebt.

"Wir bieten anders als Billigflieger ein durchgängiges Reiseerlebnis mit ab/bis Europa durchgechecktem Gepäck, wir kombinieren günstige Tarife mit einem höheren Serviceniveau“, verspricht Paulo Kakinoff. "Zunächst bieten wir 60.000 Sitze wöchentlich aus Fortaleza, bis zu 30% davon werden Umsteiger von Air France/KLM sein“, schätzt Kakinoff. "In den nächsten 18 Monaten könnten wir dann auf zehn hier stationierte Flugzeuge aufstocken.“

Deutsch-brasilianische Bande

Der Flughafen Fortaleza hat mehrere Deutschland-Bezüge. In einer abgelegenen Ecke des Vorfelds stand bis Oktober 2017 die ehemalige Lufthansa-Boeing 737-200 "Landshut“, die 1977 nach Mogadischu entführt worden war und jetzt zerlegt als Museumsstück nach Friedrichshafen geflogen wurde.

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Joon Airbus A340 auf dem internationalen Flughafen von Fortaleza, © Andreas Spaeth

Und seit Januar 2018 wird der Flughafen hier von Fraport betrieben, die nach einer Ausschreibung auch den Flughafen Porto Alegre vom staatlichen Betreiber Infraaero übernahm. Der hatte einen bereits zur Fußball-WM 2014 geplanten Terminalausbau in Fortaleza begonnen aber dann abgebrochen.

"Jetzt haben wir die Vorgabe, dass wir auf den bestehenden Fundamenten bis September 2019 ein neues Terminal fertigstellen müssen“, erklärt Flughafenchefin Sabine Trenk gegenüber aero.de. Bisher ist die Handschrift der Frankfurter bereits an identischer Beschriftung wie am Heimatflughafen zu erkennen, das freie WLAN wurde aufgerüstet sowie die Toiletten werden besser gereinigt.

"Die haben uns auch versprochen bald eine Lounge einzurichten“, sagt Patrick Alexandre. Bisher verfügt Fortaleza, wie auch andere dezentrale brasilianische Flughäfen, die bereits internationale Flüge von TAP abwickeln, oft über keinerlei Warteräume für Premium-Passagiere.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 20.05.2018 09:35


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