Lee Lik Hsin
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Scoot-Chef: "Berlin wird bei uns funktionieren"

HAMBURG - Ab Juni wird der Billigflieger Scoot Berlin und Südostasien zu Niedrigpreisen verbinden. Scoot-Chef Lee Lik Hsin (47) ist zuversichtlich, dass die Strategie der Tochterfirma von Singapore Airlines aufgehen wird. aero.de sprach mit Lee über die neuen Berlin-Flüge und schreiende Babies an Bord.

Warum meinen Sie, dass Berlin-Tegel für Scoot als erstes Billigflug-Langstreckenziel in Westeuropa funktionieren wird?

Lee Lik Hsin: Berlin hat große Anziehungskraft auf Touristen, und Nachfrage nach Asien-Flügen aus Berlin war immer da. Vor allem aber gibt es bisher keine direkten Flüge von Berlin nach Südostasien, daher können wir einen noch nicht bedienten Markt erschließen.

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Scoot Boeing 787-9, © Andreas Spaeth

Haben Sie auf deutscher Seite vor allem Kunden aus Berlin im Fokus, denn Zubringerflüge bieten Sie ja nicht?


Lee: Ja, mit dem lokalen Berliner Markt fangen wir an, aber wir sprechen derzeit mit möglichen Partnern für Zubringerflüge und Interlining innerhalb Europas nach Berlin für Umsteiger auf Scoot. Diese Diskussionen sind derzeit aber noch in einem sehr frühen Stadium. Und natürlich können wir aus Singapur selbst viele Ziele in ganz Asien oder Australien für Umsteiger anbieten.

Bisher haben sich viele andere Gesellschaften erfolglos mit Langstrecken aus Berlin versucht. Warum glauben Sie, dass Scoot das als Billigflieger besser kann?

Lee: Das lag vor allem an mangelnder Nachfrage für die teuren Reiseklassen. Bei uns spielt Premium-Verkehr keine große Rolle, sondern billige Flüge. Daher wird das bei uns funktionieren.

Was macht denn ein Billigflieger auf Langstrecken anders als eine traditionelle Gesellschaft?

Lee: Das Wichtigste sind die geringeren Kosten pro Sitz, zu denen wir produzieren und dank derer wir sehr viel attraktivere Preise anbieten können. Deswegen funktionieren viele Routen, wo Premium-Gesellschaften keine Chance haben, für uns sehr gut.

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Scoot Business Class, © Scoot

Die Kosten sind so niedrig, weil wir die Flugzeuge pro Tag länger in der Luft haben, die Bestuhlung enger und die Produktivität der Angestellten höher ist. Das hat bisher sehr gut auf Kurzstrecken bei uns funktioniert und das wird es auch auf Langstrecken.

Es scheint aber auch erst seit Verfügbarkeit der Boeing 787 wirtschaftlich zu sein, Langstrecken-Billigflüge anzubieten - gilt das auch für Scoot?

Lee: Die 787 hat erheblich bessere Sitzkilometer-Kosten als die 777, die wir anfangs eingesetzt haben. Damit hätten wir diese Expansion nie gewagt. Deshalb steigen wir eben erst jetzt mit Langstreckenflügen ein, wo wir die 787 mit ihren extrem günstigen Betriebskosten haben. Die 787 ist für uns definitiv ein "Game Changer“.

Wie haben sich denn Ihre ersten Langstreckenziele Honolulu und Athen bisher entwickelt?

Lee: Das läuft unseren Erwartungen entsprechend gut. Nach Athen haben wir einen saisonal bedingten Flugplan mit weniger Frequenzen im Winter. Nach Berlin dagegen werden wir ganzjährig viermal wöchentlich fliegen.

Planen Sie, weitere Ziele in Europa anzufliegen?

Lee: Ja, wir werden weiter nach Europa expandieren, aber langsamer, als wir es auf Flügen innerhalb Asiens tun. Aber wie Sie sehen planen wir unsere Langstrecken-Expansion sehr sorgfältig und gehen eher bedächtig vor, mit maximal einer oder zwei neuen Zielen pro Jahr. In Asien starten wir dagegen drei bis vier neue Ziele pro Jahr.

Asiatische Passagiere waren lange Zeit sehr verwöhnt, etwa von Ihrer Mutterfirma Singapore Airlines. Haben die inzwischen begriffen, was Low Cost bedeutet?

Lee: Ich war in der Anfangsphase nicht dabei, aber kann heute sagen, dass die Kunden im Großen und Ganzen durchaus verstehen, was ein Low Cost-Produkt im Vergleich zu einer Vollservice-Airline ist. Unabhängig davon, ob ein Anbieter wie wir zur Firmengruppe einer Gesellschaft mit vollem Service gehört.

Haben Sie keine Sorge, dass bei Scoots Tarifen - One Way Berlin-Singapur ab 180 Euro - viele Kunden der viel teureren Singapore Airlines den Rücken kehren?

Lee: Ich denke die Singapore-Airlines-Gruppe hat sich mit diesem Problem befasst, bevor sie soviel in Scoot investiert und uns ein schnelles Wachstum ermöglicht hat. Etwa die Hälfte unserer Routen, es sind 30, operieren wir in Asien parallel zu Singapore Airlines.

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Scoot Cabin Crew, © Andreas Spaeth

Generell glauben wir an zwei unterschiedliche Marktsegmente. Es wird oft gesagt, dass es ein Risiko der Kannibalisierung gibt - und das Risiko können wir natürlich nicht völlig ausschließen.

Aber das heißt nicht, dass wir nicht versuchen, beide Marktsegmente so gut wie möglich abzudecken. Für die Gruppe insgesamt ist es natürlich gut, dass wir in beiden Bereichen solide vertreten sind, das Geschäft also in jedem Fall in der Familie bleibt.

Wer bei Scoot ein Menü bestellt erhält es aufgewärmt, aber eingeschweißt in Plastikfolie. Das ist schwer zu öffnen und sieht unappetitlich aus. Warum?

Lee: Ich nehme diesen Kommentar gern auf, wir versuchen immer, uns zu verbessern. Es gibt dafür eine Erklärung, aber das ist keine Entschuldigung: Die Verpackung macht die Mahlzeiten länger haltbar, daher gibt es weniger Abfall. Aber ich verstehe Ihren Punkt und wir werden versuchen, das zu verbessern.

Als Besonderheit bietet Scoot einige Sitzreihen in Economy als "Ruhezone“ gegen Aufpreis an, wo man erst ab 13 Jahren sitzen darf. Kommt das an?

Lee: Oh ja, dafür haben wir eine sehr gute Nachfrage. Es gibt Kunden die gern mit ausreichend Abstand zu Babys und Kleinkindern sitzen wollen. Auch wenn man vielleicht nur ein paar Reihen Abstand hat – es macht einen Unterschied, wenn ein Baby nicht direkt neben ihnen schreit.

Sie betreiben derzeit 43 Flugzeuge und haben ebenfalls 43 offene Bestellungen. Soll sich die Flotte also verdoppeln oder werden alte gegen neue Jets getauscht?

Lee: Es ist eine Kombination von beidem. Wir haben 39 Airbus A320neo bestellt und davon werden natürlich nicht alle für Wachstum genutzt sondern einige ersetzen ältere Flugzeuge.

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Scoot Boeing 787-8, © Boeing

Als wir 2016 mit Tigerair verschmolzen hatten wir eine Flotte von 35 Flugzeugen und ich habe gesagt, dass wir unsere Flotte innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Unser Ziel sind immer noch 70 Flugzeuge.

Wie wird sich der bisher kleine Anteil von Langstrecken bei Ihren Umsätzen entwickeln?

Lee: Das wird immer die Minderheit bleiben, es wird sich von heute weiter entwickeln, wird aber nie unseren halben Umsatz ausmachen.

Herr Lee, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Über Scoot

Die asiatische Billigfluggesellschaft Scoot ist über den Ableger Budget Aviation Holdings im Besitz von Singapore Airlines. Scoot begann ihre Flüge 2012 innerhalb Asiens und nach Australien.

Im Juli 2017 verschmolz Scoot mit dem regionalen Billigflieger Tigerair und übernahm deren Fluglizenz (AOC), seitdem lautet der Zwei-Letter-Code TR.

2017 begann Scoot mit Honolulu und dann Athen ihre ersten Langstreckenflüge zu Zielen außerhalb Australiens. Genau wie ab 20. Juni nach Berlin-Tegel kommen dabei Boeing 787-8 zum Einsatz mit 329 bzw. 335 Sitzen in zwei Klassen. Die Flotte umfasst derzeit 27 Flugzeuge der A320-Familie und 16 Boeing 787.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 26.05.2018 06:38

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Beitrag vom 26.05.2018 - 14:00 Uhr
@cosmosB

Ein beruflicher Vielflieger wie Sie es sind,muss sich glücklicherweise nicht nicht in den Tiefen der Economy-Klasse bewegen, aber für die Majorität aller Fluggäste auf diesem Planeten ist es halt Alltag.

Es bleibt aber festzuhalten,dass der Sitzabstand in der B787 von Scoot identisch ist mit dem Platzangebot von Lufthansa, zum Beispiel im Airbus A330 (31 Inch).

Allerdings scheint der Neuling auch nicht billiger zu sein, als die Kranich-Airline(allerdings immer mit Zwischenlandung in FRA oder Zürich).

Für viele Junge Leute,Studenten und Backpacker, die nach Australien,Bali oder Neuseeland möchten, aber bestimmt keine schlechte Alternative!

Mal sehen, wie es sich entwickelt, für Berlin wäre eine Direktverbindung nach SO-Asien wünschenswert.
Beitrag vom 26.05.2018 - 13:12 Uhr
Kann ich mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Ich gebe zu auch mal Easyjet für einen 45 Minutenflug nach Frankfurt zu nutzen. Würde es aber niemals (nicht mal privat) 12 Stunden in einer so eng bestuhlten Maschine aushalten. 329 Passagiere in solch einer kleinen Maschine ist ja schlimmer als Käfighaltung bei Hühnern. Komisch, dass die Businessclass von Berlin nach London bei fast allen Flügen mit 12 bis 16 Personen gut besetzt ist und die meisten dort auf die Langstrecke in Business umsteigen. Dass keinerlei Bedarf für Premiumklassen ab Berlin besteht bezweifle ich, da ich bestimmt nicht der Einzige bin , der im Jahr 12 bis 15 mal nach Asien, in die USA und nach Australien ab Tegel fliegt. Definitiv aber nicht mit Scoot, da ist mir meine Gesundheit dann doch zu wichtig.


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