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In der neuen A340-Kabine von Joon nach Brasilien

FORTALEZA - Air Frances' "Innovationslabor" Joon ist seit Mai 2018 auch auf der Langstrecke unterwegs. Andreas Spaeth war bei dem Eröffnungsflug der A340-300 nach Fortaleza an Bord. Eines ist ihm dabei nicht so recht klar geworden: warum es der neuen Air France-Marke überhaupt bedarf.

Air France, derzeit von Streiks gebeutelt, hinkt der Branche weit hinterher in dem Versuch, ihre Kosten zu senken und im harten Wettbewerb effizienter zu werden.

Ein Mittel zu diesem Zweck soll die neue Marke "Joon“ sein - sie produziert nach Aussagen ihres Chefs um 15-18% günstiger als die Mutter-Airline. Vor allem, weil die Kabinenbesatzungen weniger verdienen und mehr arbeiten, und obwohl die Piloten weiter von Air France gestellt werden.

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Joon Airbus A340-300 , © Andreas Spaeth

40 Millionen Euro soll Joon (der Name lehnt sich an "jeune“ an, französisch für "jung“) pro Jahr einsparen, ein Tropfen auf den heißen Stein gemessen an den Verlusten durch die Streiks.

Anders als etwa LEVEL von der IAG-Group ist Joon nicht als Billigflieger positioniert, sondern als "Innovationslabor“, in dem frische Ideen generiert werden sollen, die später auch die Mutter übernehmen kann.

Bei ihrer Vorstellung vergangenes Jahr wurde Joon noch als Airline für Millennials präsentiert. Davon ist man jetzt abgerückt: zu groß die Sorge, damit andere Zielgruppen auszugrenzen.

Seit Dezember 2017 fliegt Joon innereuropäisch, unter anderem bis zu sieben Mal täglich von CDG nach Berlin, eine der lukrativsten Joon-Strecken, die von Air France übernommen wurde.

Flugreport Joon
Airline:
Joon
Flugzeugtyp:
Airbus A340-300
Kabine:
Business Class
Datum:
3. Mai 2018
Route:
Paris-CDG-Fortaleza
Flug:
AF416

Seit April 2018 sind die ersten zwei von vier betagten Airbus A340-300 aus der Air France-Flotte im neuen Joon-Branding und mit völlig überarbeiteten Kabinen auf Langstrecken unterwegs.

Zuerst nach Kapstadt (übernommen von Air France) und seit Anfang Mai auf die Seychellen und nach Fortaleza im Nordosten Brasiliens als neue Ziele. Die bei Kite-Surfern beliebte Destination wird jetzt sowohl von Joon/Air France als auch von KLM bedient und dient als Hub für Anschlüsse mit dem Partner GOL innerhalb Brasiliens.

Eröffnungsflug nach Fortaleza

Mein Flug mit Joon ist der Eröffnungsflug von Paris nach Fortaleza. Er beginnt in der neu renovierten Air France-Lounge im Terminal 2L, die im Januar eröffnet wurde.

Sie ist 2.180 Quadratmeter groß. Erst im Juli soll sie endgültig fertig sein, dann auch mit einer hippen Bar. Schon jetzt gibt es sehr ansprechende Ruhebereiche, in denen es tatsächlich still ist, während vorn der Betrieb brummt.

Auch Wellness mit Gesichtsmassagen kann vor Ort gebucht werden. Großartig sind die beiden Sauna-Kabinen, jeweils eine für Herren und eine für Damen, die nach Verfügbarkeit aber nur von je einer Person (oder gemeinsam Reisenden) auf einmal genutzt werden können. Nicht wie bei Finnair, die in Helsinki in ihrer Lounge kleine Gemeinschaftssaunen bietet.

Im Hauptbereich der Air France-Lounge werden an einem Tresen frische warme Speisen zubereitet, hier allerdings ist es voll und die meisten Plätze, auch die an langen Bistro-Tischen, sind besetzt. Trotzdem eine echte Aufwertung des Lounge-Angebots.

Am Gate steht das erste Langstreckenflugzeug von Joon bereit, die A340-300 F-GLZP, an Air France geliefert im Februar 1999. Vier jeweils rund 20 Jahre alte A340-300 übernimmt jetzt Joon, in Abu Dhabi wurden die Kabinen vollkommen erneuert. Zwei letzte A340 behält Air France bis 2019 noch als Reserve.

Von Außen unauffällig

Die Joon-Bemalung in blau und weiß wirkt beinahe unauffällig, unter dem Cockpitfenster steht zur Sicherheit nochmal klein "Air France“. Auffällig ist das Branding dagegen vor allem bei den Uniformen der Kabinenbesatzung.

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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Die Männer tragen blaue Polohemden, die Damen Kleider oder Shirts in einer Art weiß-blauem Matrosen-Look (alles zu 60% aus Recycling-Plastikflaschen), Markenzeichen sind weiße Turnschuhe für alle.

Den (zumeist) jüngeren Crew-Mitgliedern, vor allem den weiblichen, steht das richtig gut. Sobald den Look aber wie auf dem Erstflug auch jemand trägt, der älter ist, kommt das seltsam berufsjugendlich rüber.

Um die Premium-Klientel von Air France zu halten bietet auch Joon drei Klassen an Bord der A340 mit insgesamt 278 Plätzen (in Economy drei mehr als bisher Air France in der A340): Business (30 Sitze in 2-2-2-Anordnung) sowie 21 der neuen Premium-Economy-Sitze (2-3-2) aus der Boeing 787 direkt dahinter.

In der Business-Kabine wurden die vorhandenen B/E Aerospace Minipod-Sitze von Air France übernommen, angeblich jetzt aber mit auf 175° verbessertem Neigungswinkel – Fullflat ist das knapp zwei Meter lange Bett weiterhin nicht.

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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Der Sitzabstand, bei Air France 61 Zoll (155cm), wird jetzt mit 59 Zoll (gut 149cm) angegeben. Während die Bildschirmgröße mit 15,6 Zoll gleich geblieben ist, wurde mit dem Interieur auch das Unterhaltungsangebot runderneuert.

Wesentliches Manko, gerade bei einer "jungen“ Airline: Es gibt keinen Internet-Zugang an Bord, lediglich Streaming von bordeigenem Content. Doch dazu soll man sich vorab eine App herunterladen, was ich grundsätzlich ablehne.

Dieser "Geburtsfehler“ wird erst behoben, wenn Joon ab Herbst 2019 ihre ersten von zehn bestellten A350 mit werksseitigem WLAN erhält.

Die Kabine dürfte die einzige völlig neue in einer A340-300 seit vielen Jahren sein, da dieser Flugzeugtyp ein Auslaufmodell ist. Das Joon-Blau der Trennwände sowie bei Kissen und Bettdecken in Business ist durchaus dekorativ, genau wie die neueste Generation von Moodlighting, die ich erstmals in einer A340 sehe.

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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Mein Platz ist 3A links am Fenster. Auch wenn Joon mit neuem Branding frischer wirkt kann ich insgesamt keinen wirklichen Unterschied erkennen zum Air France-Produkt, außer dass heute bei Air France etliche Flugzeuge in Business flache Betten bieten, eigentlich längst überall Branchenstandard.

Am Platz findet sich eine kleine Wasserflasche sowie Schlappen und Schuhbeutel mit Joon-Branding, am besten gefällt mir die verteilte blaue Joon-Waschtasche aus einem coolen Netzstoff, während ihr Inhalt eher bescheiden ist. Wir starten beinahe pünktlich gegen halb zwei Uhr mittags in Paris, zur besten Lunch-Zeit also.

Unerklärlicherweise aber dauert es nach dem Abheben 56 Minuten (!) bis überhaupt der Getränkewagen angerollt kommt. Das Essenstablett wird nach einer Stunde und 45 Minuten verteilt. So lange darf das nicht dauern, möglicherweise muss sich die Crew erst im neuen Flugzeug zurecht finden, das aber schon einen Monat lang fliegt.

 
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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Ein Unterscheidungsmerkmal von Joon soll der spezielle Cocktail des "Experimental Cocktail Club“, einer Pariser Bar sein. Heute heißt er „Aéro Club“ und besteht aus Campari, rotem Martini und Champagner. 

Ich bestelle ihn und finde ihn sehr lecker, mal was anderes. Dazu gibt es zwei Schälchen, Nüsse sowie als Gaumenkitzler „Anchovy pie with a twist“, eine wohlschmeckende braune Créme mit Sahne, die aber kaum jemand anrührt weil nicht klar ist um was es sich handelt, wenn man nicht im Menü schaut, die Crew erklärt nichts.

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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Es stehen vier Hauptgerichte zur Auswahl: Lammragout mit Frühlingsgemüse, Perlhuhnbrust mit Quinoa-Risotto, Zander mit Polenta und Spargel oder Ricotta-Spargel-Lasagne. Für mich stellt sich die Frage nicht, ich habe online ein indisches Menü vorbestellt, aus einer Auswahl von einem halben Dutzend Optionen.

Als Vorspeise erhalten alle eine Terrine vom Seeteufel im Bouillabaisse-Stil. Schmeckt hervorragend, aber wieder sehe ich viele Leute misstrauisch darin herumstochern und kaum davon essen.

Als ich bei meinem Nachbarn das Fischgericht erblicke sehe ich vor allem Erbsen als Beilage, von denen im Menü gar keine Rede ist. Seltsam. Meine Wahl, indisches Lammcurry mit Pilaf-Reis und Gemüse, sieht zwar nicht so einladend aus wie im Internet, dafür schmeckt es hervorragend und ist vor allem gut gewürzt – worauf ich im Flugzeug besonderen Wert lege.

Der Käseteller fällt etwas sparsam aus, dafür kann ich in Desserts schwelgen. Zum Glück hat Joon das Markenzeichen der Muttergesellschaft beibehalten, die Fruchtsorbets, köstlich, ich probiere Mango und Passionsfrucht, dazu ein Teller kleiner Küchlein und einen Calvados, das ist Frankreich wie es sein soll.

Die Flugkarte ist nicht interaktiv, zeigt aber wie wir fast die gesamte Flugstrecke über dem Ozean zurücklegen. Das Unterhaltungsangebot ist mit 1.200 Stunden üppig bemessen, auch ohne App.

Vor allem das breite Angebot an 700 neuen und weniger aktuellen Musikalben aller Richtungen gefällt mir gut. Einen der 200 Filme schaue ich auf dem Tagflug nicht und leihe mir auch nicht für 15 Euro eine "Allosky“-Virtual-Reality-Brille aus, auf der man eine Vielzahl an 2D-, 3D- und 180°-Filmen anschauen können soll.

Was bei einer vollen Business-Class-Kabine ein wenig stört ist, dass die vordere Toilette nicht benutzt werden darf, die steht ausschließlich der Cockpit-Crew zur Verfügung, und die beiden anderen Toiletten hinten sind oft besetzt. Nach dem Essen mache ich zwei Stunden Schlafpause.

Dabei ist die leicht geneigte Liegefläche gut zu ertragen. Auf dem Nachtflug nach Hause später allerdings stört mich schon spürbar der durch die Neigung stets unvermeidbare Rutscheneffekt, der bei den meisten Airlines längst Geschichte ist.

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Joon Airbus A340-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Kurz vor Ende des Fluges und ohne dass ich wieder hungrig wäre gibt es die zweite Mahlzeit, entweder kalt (Lachs mit Pastasalat) oder warm (eine Art Rösti). Ich entscheide mich für warm, das Gericht sieht nicht ansprechend aus, ein etwas undefinierbarer Haufen auf dem Teller, unter den gerösteten geriebenen Kartoffeln verbirgt sich "geräucherte Sahne“ sowie Pilze und Spargel.

Schmeckt ziemlich gut, wird aber auch von den Mitreisenden kaum angerührt, die meisten bemerken nicht einmal die Sahne. Ein wenig Vermittlung durch die Crew, die offensichtlich keine Ahnung hat was sie da serviert, wäre hilfreich. Nach acht Stunden und 55 Minuten setzen wie fast pünktlich auf und werden in Fortaleza zur Feier des Erstflugs mit Wasser-Salut von der Feuerwehr empfangen.

Bewertung

Joon bietet in ihren A340 mit den neuen Kabinen ein solides Produkt, dass sich jedoch nur unerheblich von dem der Mutter Air France unterscheidet. Aus Passagiersicht erschließt sich nicht, warum es dieser neuen Marke überhaupt bedarf.

Joon wird ab Herbst 2019 die ersten von später zehn A350 betreiben und damit nicht nur Mängel wie das fehlende WLAN und die nicht flachen Bettsitze in Business überwinden, sondern bis dahin vielleicht auch klarer die erwünschten Unterschiede zur Hauptmarke mit einem stärkeren eigenen Profil herausarbeiten.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 03.06.2018 09:04


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