Airline in Geldnöten
Älter als 7 Tage

Nervenkrieg um Germania

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Germania in Kassel, © Flughafen Kassel

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BERLIN - Nach dem turbulenten Flugsommer 2018 steckt jetzt Germania in finanziellen Schwierigkeiten. Die Airline prüft nach eigenen Angaben mehrere Finanzierungsoptionen, um einen kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern. Der Kreis potenzieller Investoren hält sich noch bedeckt.

Es geht "um die zentrale Frage, wie wir als mittelständisches Unternehmen auch weiterhin in einem Marktumfeld schlagkräftig bleiben, das von Fluggesellschaften mit konzernähnlichen Strukturen geprägt ist, teilte Germania am Dienstagabend in Berlin mit.

Beim Flugbetrieb soll es aber keine Einschränkungen geben. Alle Germania-Flüge fänden planmäßig statt, hieß es.

Wie Branchenkreisen zu entnehmen ist, klopft Germania seit einigen Wochen den Beteiligungsmarkt nach potenziellen Investoren ab.

"Die Firma hat mit brancheninternen und branchenexternen Geldgebern Gespräche geführt", sagte ein mit der Angelegenheit vertraute Person aero.de am Mittwoch. Einige Verhandlungen würden derzeit "aktiv" geführt.

Quellen des "Aero Telegraph" zufolge brauchte Germania bereits kurz vor dem Jahreswechsel 20 Millionen Euro, um weiterfliegen zu können. Ob Germania eine Frist von der zuständigen Aufsichtsbehörde gesetzt wurde, wollte ein Sprecher der Airline am Dienstagabend nicht kommentieren.

"Das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) überwacht laufend die finanzielle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aller deutschen Luftfahrtunternehmen und nimmt auch laufend eine gründliche Bewertung der Finanzsituation der deutschen Fluggesellschaften vor", sagte eine LBA-Sprecherin aero.de. Zum aktuellen Fall Germania darf sich die Aufsichtsbehörde nicht äußern.

Germania ist eine deutsche Fluggesellschaft mit einer mehr als 30-jährigen Geschichte. Sie betreibt rund 30 Mittelstreckenjets und ist neben Linienflügen auch für viele Reiseveranstalter unterwegs. Außerdem hatte sich das Unternehmen mit Sitz in Berlin den Werksverkehr für Airbus gesichert. Jährlich fliegen demnach mehr als vier Millionen Passagiere mit Germania.

TUI weicht auf neuen Partner aus

Der weltgrößte Reisekonzern Tui ist nach eigenen Angaben punktuell mit Germania im Geschäft. So habe der Veranstalter für die kommenden Tage eine geringe Zahl von Germania-Flügen von Leipzig/Halle aus gechartert, teilte Tuimit. Ab 19. Januar werde hier aber ein neuer Partner übernehmen. Zudem habe Tui vereinzelt Tickets für Flüge von kleineren Flughäfen bei Germania eingekauft. Änderungen seien nicht geplant.

Germania gehört über eine zwischengeschaltete Beteiligungsgesellschaft komplett ihrem Chef Karsten Balke. Dieser startete Mitte 2016 eine Investitionsoffensive. So orderte Germania auf der Farnborough Airshow bei London 25 Airbus-Mittelstreckenjets der A320neo-Modellfamilie und sicherte sich Optionen auf 15 weitere Flugzeuge der Reihe.

Die Auslieferungen sollen nach bisherigen Angaben im Jahr 2020 beginnen. Künftig will Germania mit einer reinen Airbus-Flotte unterwegs sein.

Dass das Geld bei der Airline jetzt knapp wurde, begründete das Management mit den stark gestiegenen Kerosinpreisen im vergangenen Sommer und der Abwertung des Euro zum US-Dollar. Zudem habe es "erhebliche Verzögerungen" bei der Aufnahme neuer Flugzeuge in die Flotte gegeben, und Germania habe außergewöhnlich viele technische Serviceleistungen bei ihren Flugzeugen in Anspruch nehmen müssen. Die Folge seien "große Belastungen" gewesen.

Den Problemen von Germania gingen in Europa zuletzt eine ganze Reihe von Airline-Pleiten voraus. Nach den Insolvenzen von Air Berlin und der britischen Fluglinie Monarch 2017 waren im vergangenen Jahr gleich mehrere kleinere Gesellschaften wie Skyworks (Schweiz), VLM (Belgien), Small Planet und Azur Air (Deutschland), Cobalt (Zypern) und die skandinavische Primera Air kollabiert.

Konsolidierung in Europa

Als potenzielle Investoren für Germania kommen große europäische Luftfahrtkonzerne wie Lufthansa, Ryanair, Easyjet oder IAG in Frage. Eine Easyjet-Sprecherin sagte, man wolle die Spekulationen um Germania zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren.

Die Intro-Gruppe des Nürnberger Unternehmers Hans Rudolf Wöhrl, die 2017 Interesse an Air Berlin hatte, teilte auf Anfrage mit, man könne zu der Angelegenheit "keine Auskunft geben".

In Berlin forderte die FDP-Fraktion den Senat auf, Germania in der Hauptstadt zu halten. Die Fehler von 2017, als Air Berlin von Regierungschef Michael Müller (SPD) vorschnell der Lufthansa angedient worden sei, dürften nicht wiederholt werden.

Neben gestiegenen Treibstoffkosten machte vielen Airlines 2018 das Flugchaos in Europa zu schaffen. Eine große Zahl von Verspätungen und Flugausfällen zogen Entschädigungen und Ersatzleistungen für die Passagiere nach sich. Der Weltluftfahrtverband IATA schätzt, dass Fluglinien für Entschädigungen europaweit rund zwei Milliarden US-Dollar (knapp 1,8 Mrd Euro) zahlen mussten.

Zu den Ursachen zählten Streiks von Fluglotsen in Frankreich, Engpässe an deutschen Flughäfen und die Neusortierung der Luftfahrt-Branche nach der Air-Berlin-Pleite.
© dpa-AFX, aero.de | Abb.: FBB, Günter Wicker | 09.01.2019 13:54

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Beitrag vom 10.01.2019 - 14:58 Uhr
TUI hatte seinerzeit tätsächlich überlegt aus dem Fluggeschäft auszusteigen.
Die Investorenfrage ist aber spannend. Wer investiert da und mit welcher Absicht? Germania hat scheinbar noch nie Geld verdient. Nicht mal 2016. was soll da verändert werden um ein ROI zu haben. Oder Geldwäsche 😜
Beitrag vom 10.01.2019 - 14:11 Uhr
@Jasonbourne
Also, dass sich Tuifly oder Condor aus dem Markt zurück ziehen wollen halte ich für absoluten Quatsch. Aber reichlich amüsant immer die ganze Gerüchteküche :D

Debaser hat das ganze schon gut umschrieben. Darüber hinaus bedient Germania schon immer gezielt Nischenmärkte. Zwar aktuell nicht kostendeckend, dennoch einzelne Strecken höchst lukrativ. Nicht ohne Grund bedient man mit kleinerem Gerät Strecken abseits der großen Urlaubsziele oder sogar bewusst im ethnischen Verkehr (kleinere Airports in der Türkei, Kosovo, Irak,...). Auch in Gambia hatte Germania mit Gambia Bird genau ähnliches vor, verlor dort aber viel viel Geld - auch bedingt durch lokale Besonderheiten des Marktes und letztlich durch die Krise um die Ebolaepedie.


Lol. die Gerüchteküche war deutlich solider im Rahmen der AB Krise.
Als man den dt. Chater Fliege formen wollte aus TUI + AB Touristik Teil + Condor.

Also immer locker durch die Hose atmen, junge.

Daran denken, wie man Millionär wird.
Man nimmt einen Milliadär, verkauft ihm eine Airline, und zack hat man einen Millionär.
Beitrag vom 09.01.2019 - 19:15 Uhr
@Jasonbourne
Also, dass sich Tuifly oder Condor aus dem Markt zurück ziehen wollen halte ich für absoluten Quatsch. Aber reichlich amüsant immer die ganze Gerüchteküche :D

Debaser hat das ganze schon gut umschrieben. Darüber hinaus bedient Germania schon immer gezielt Nischenmärkte. Zwar aktuell nicht kostendeckend, dennoch einzelne Strecken höchst lukrativ. Nicht ohne Grund bedient man mit kleinerem Gerät Strecken abseits der großen Urlaubsziele oder sogar bewusst im ethnischen Verkehr (kleinere Airports in der Türkei, Kosovo, Irak,...). Auch in Gambia hatte Germania mit Gambia Bird genau ähnliches vor, verlor dort aber viel viel Geld - auch bedingt durch lokale Besonderheiten des Marktes und letztlich durch die Krise um die Ebolaepedie.


Dieser Beitrag wurde am 09.01.2019 19:23 Uhr bearbeitet.


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