Pieter Elbers
Älter als 7 Tage

"Weniger Wachstum ist nichts Schlechtes"

SEOUL - Wenige Airlinebosse sind bei ihren Mitarbeitern so beliebt wie Pieter Elbers. Im Exklusiv-Interview mit aero.de spricht der KLM-Chef darüber, wie es sich anfühlt, wenn Mitarbeiter für einen demonstrieren - und wie Klimaproteste für die Luftfahrt auch eine Chance sein können.

aero.de: Was ist das für ein Gefühl für einen Airline-CEO, wenn Menschen auf die Straße gehen und für den eigenen Verbleib im Amt demonstrieren?

Pieter Elbers: Das ist zum einen eine Ehre, zum anderen aber auch etwas unangenehm berührend, das hat mich fast schüchtern gemacht. Aber am Ende hat es sich gut angefühlt, da spürt man das "blaue Herz" der KLM-Mitarbeiter.

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Pieter Elbers, CEO KLM, © KLM

Das war schon ziemlich einmalig und spiegelt die Veränderungen wider, die wir in den vergangenen Jahren zusammen durchgezogen haben. Es war nicht immer leicht, wir mussten mehr Produktivität erreichen und von den Mitarbeitern ein Einfrieren der Löhne verlangen.

Das beginnt sich jetzt auszuzahlen, und führte dann in dem sensiblen Umfeld, in dem wir uns befinden zu den Demonstrationen. Die Unterstützung sowohl der Öffentlichkeit als auch der Mitarbeiter war für mich herzerwärmend.

aero.de: Verglichen mit der Situation vor einem Jahr - steht KLM heute besser da?

Elbers: Ja, steht sie. Unsere Finanzlage ist besser und genauso die Kundenzufriedenheit. Das heißt aber nicht, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen können.

Das erste Quartal war mit steigenden Kerosinpreisen und sinkenden Einnahmen ziemlich herausfordernd. Trotzdem ist Mitte 2019 die Lage insgesamt besser als Mitte 2018.

aero.de: Hat sich damit aber der Abstand zwischen KLM und Air France nicht weiter vergrößert?

Elbers: Ja, aber das lässt sich auch innerhalb eines Jahres nicht lösen. Für mich ist es wichtig, dass Anne Rigail jetzt CEO von Air France ist. Anne hat einige Maßnahmen gestartet, um die Situation bei Air France zu verbessern, und die Abkommen, die Ben Smith mit den Gewerkschaften geschlossen hat, bringen Stabilität.

Jetzt ist Anne da und setzt viele Veränderungen innerhalb der Firma in Gang, darüber bin froh. Ich kenne sie viele Jahre, sie ist ein Airline Professional und wir arbeiten in der bestmöglichen Weise zusammen. Die Mitarbeiter von Air France und KLM wollen auch zusammenarbeiten - all diese Führungs-Diskussionen sind ziemlich weit weg von ihnen.

aero.de: Spiegelt das komplizierte Binnenverhältnis von Air France-KLM nicht auch die Zerrissenheit Europas wider?

Elbers: Ja, es könnte im Kleinen eine Reflektion der europäischen Herausforderungen sein: Sprachen, Kulturen, soziale Systeme, Finanzen, Renten, Steuern - das ist alles unterschiedlich.

Aber natürlich verbinden uns auch viele Dinge, gemeinsame europäische Werte und Lebensweisen. Und diese positiven Aspekte sehen wir zu einem gewissen Teil auch innerhalb von Air France-KLM.

Das sind beides Firmen mit großer Geschichte, fantastische Marken und Mitarbeiter, die darauf stolz sind. Und dann ist es unsere Sache als Führungsriege, daraus eine gute Zusammenarbeit zu machen.

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Air France und KLM, © KLM


Ich habe seit den Anfangstagen der Fusion von Air France-KLM daran mitgearbeitet, da gab es einen positiven Spirit und Schwung damals und ich denke, wir sind jetzt gefordert, das noch einmal zu schaffen.

aero.de: Junge Leute aus der "Fridays for Future"-Bewegung entwickeln gerade eine tiefe Abneigung gegen das Fliegen. Sehen Sie das als Gefahr für die Branche und was wollen Sie dagegen tun?

Elbers: Ich glaube es nicht so sehr eine Abneigung gegen das Fliegen sondern eher die Aufforderung an uns alle, in verantwortungsvoller Weise zu fliegen. Für ein paar Euro nach irgendwo auf der Welt zu fliegen finden die Leute eben nicht mehr verantwortungsbewusst, und das zu Recht.

Wir bei KLM haben eine lange Geschichte darin, Nachhaltigkeit ganz oben auf unsere Agenda zu stellen. Wir haben zum Beispiel gerade angekündigt, dass wir uns an einer Fabrik für Bio-Treibstoff beteiligen und unterstützen die Universität Delft bei der Entwicklung des Flugzeugs der Zukunft.

aero.de: Kann dann nicht aus "Flugscham" sogar eine Chance für die Branche erwachsen, oder bedroht sie vor allem das Wachstum?

Elbers: Für mich ist klar, wie sich die Stimmung in der Gesellschaft ändert. Das sollten wir als Branche aufnehmen und sehen, wie wir das umsetzen können. Den Übergang zur Nutzung von Bio-Treibstoff etwa können wir nicht allein als KLM machen, da ist die ganze Branche gefragt.

Und ja, auf längere Sicht könnte es weniger Wachstum in der Luftfahrt geben wegen der Leute, die ihr Flugverhalten überdenken. Aber das ist für sich genommen nichts Schlechtes.

Die Leute wollen, dass die Airlines Verantwortung übernehmen, und das muss ein Teil der Differenzierung werden. Unser Engagement beim Biotreibstoff zeigt, dass wir bereits heute etwas tun und viele weitere Maßnahmen folgen in den nächsten Jahren.

Wir müssen da als Branche unsere Rolle spielen und können nicht nur auf andere zeigen. Kooperation ist der Schlüssel.
© Andreas Spaeth | Abb.: KLM, Andreas Spaeth | 11.06.2019 08:05


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