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Boeing schaut optimistisch auf Lateinamerika

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GOL Boeing 737 MAX, © Boeing

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SÃO PAULO - Boeing sagt für Lateinamerika eine Verdoppelung des Flugzeugmarktes innerhalb der kommenden zwanzig Jahre voraus. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 2.960 neue Maschinen - und potenzielle Aufträge. Das ist ob der aktuellen Lage in vielen südamerikanischen Ländern eine optimistische Schätzung.

"Günstigairlines waren wirklich der Wachstumsmotor für Lateinamerika", sagte Boeing-Chef für Marktanalyse Darren Hulst. Sie machen derzeit 35 Prozent des Marktes aus und werden ihm zufolge weiterhin mehr Kunden aus der Region akquirieren, weil sie das Fliegen auch für Leute möglich machen, die weniger verdienen.

Laut der International Airlines Association IATA hat sich die Zahl der Passagiere lateinamerikanischer Airlines im Lauf der vergangenen zehn Jahre verdoppelt – und der Trend soll demnach weitergehen: die IATA rechnet in den kommenden zwei Jahrzehnten mit einem Zuwachs von jährlich 3,6 Prozent.

Laut Hulst werden die lateinamerikanischen Airlines bis 2038 1.160 Flugzeuge brauchen, um ältere Flugzeuge zu ersetzen, 1.800 sollen dazu dienen, ihre Flotten zu vergrößern. Aufragsvolumen in US-Dollar: 500 Milliarden.

90 Prozent dieser Flugzeuge sollen seiner Vorstellung nach in der Größenordnung der Boeing 737 MAX 10 beziehungsweise des Airbus A321 liegen, aber auch für Langstreckenflugzeuge wie die hauseigenen 777 und 787 sieht er eine steigende Nachfrage, weil mehr Airlines Städtepaare anfliegen, die 5.000 Kilometer oder weiter voneinander entfernt liegen.

Ein besonderes Augenmerk legt er in seiner Verzückung auf Brasilien. Das Land macht mit 40 Prozent den größten Teil des Marktes aus – und sollte nach Einschätzung Hulsts im kommenden Jahr um mindestens vier bis fünf Prozent wachsen, weil die Wirtschaft des südamerikanischen Giganten sich ihm zufolge langsam erholt.

Dass ein Großteil der derzeitigen Einnahmen aus dem Verkauf staatlicher Unternehmen stammt und dass der langfristige Efekt dieser Maßnahmen noch nicht absehbar ist, scheint in seiner Analyse keine Rolle zu spielen. Trotz der von vielen als positiv eingestuften wirtschaftlichen Signale liegt der Wechselkurs des Real zum US-Dollar im November 2019 bei 4,17 zu 1. Eine signifikante Zahl, werden doch Kerosin, Leasingraten und andere Kosten der Luftfahrt in US-Dollar berechnet.

Optimismus in einem schwierigen Umfeld

Nichtsdestotrotz rechnet Hulst damit, dass Airlines im Jahr 2020 die Lücke wieder füllen werden, die durch das Ausscheiden von Avianca mit ehemals 13 Prozent Marktanteil und das Grounding der 737 MAX im Jahr 2019 entstanden sind.

Airlines haben in den ersten zehn Monaten diesen Jahres 93 737 MAX-Bestellungen entweder stoniert oder umgewandelt. Dennoch erwartet Hulst, dass die Verkäufe dieses Flugzeugs in der Region anziehen. "Das ist ein starker Markt und wir sind in ständigem Kontakt mit unseren Kunden über deren Bedürfnisse", sagte er. "Das ist eine langfristige Sache." 

In der Tat hat Boeing in Brasilien unter der Regierung Jair Bolsonaros gute Karten, wie sich zuletzt an der Genehmigung des Übernahmedeals mit Embraer zeigte. Ob das Wohlwollen der Regierung genügt, um die Airlines in Sachen 737 MAX zu befrieden, bleibt dagegen abzuwarten.

Zudem ist eine Vorhersage der Wirtschaftsentwicklung auf zwanzig Jahre in lateinamerikanischen Ländern erfahrungsgemäß schwierig. Als aktuelle Beispiele sind hier Chile zu nennen, das bis vor kurzem als sicherer Hafen in einem turbulenten Umfeld galt.

In Argentinien bremst schließlich eine dramatische Wirtschaftskrise die viel beschworene "Freiheit zu fliegen": Viele Argentinier können sich diese Freiheit trotz der Dumpingpreise schlicht nicht leisten.

Zeitgleich halten die Regierungen dem Wachstum der Luftfahrt nicht Schritt – im Rahmen einer knappen Infrastruktur stellt es Airlines derzeit vor Herausforderungen.

Zudem stellt sich die Frage, wieviel des vorhergesagten Wachstums tatsächlich die lateinamerikanischen Airlines und wieviel solche aus anderen Regionen übernehmen werden. 

US-Airlines etwa haben mit einem noch jungen Open Skies-Abkommen freien Flug nach Brasilien, auch den Inlandsverkehr hat das Land für ausländische Wettbewerber geöffnet.

Die Verbindungen über den Südatlatlantik teilen gerade europäsche Wettbewerber im Zusammenschluss mit lateinamerikanischen und nordamerikanischen Wettbewerbern unter sich auf. Boeing-Mann Hust schreckt das nicht - er übt sich offensiv in Optimismus, der 737 MAX und den schwierigen Vorzeichen zum Trotz.
© aero.de (boa), Bloomberg | Abb.: Embraer | 15.11.2019 10:24


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