Recaro-Chef Mark Hiller
Älter als 7 Tage

In zwei Zyklen aus der Krise

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Mark Hiller, © Archiv Spaeth

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HAMBURG - Ein großer Teil der weltweiten Flotte steht am Boden, Experten rechnen damit, dass bis zu 5.000 Flugzeuge nicht in den Flugbetrieb zurückkehren. Schwere Zeiten für Zulieferer, auch für die größten der Branche. aero.de hat mit Mark Hiller gesprochen, dem Chef von Recaro Aircraft Seating aus Schwäbisch-Hall.

Recaro ist Weltmarktführer für Economy-Flugzeugsitze und unterhält Werke auf vier Kontinenten.

aero.de: Wo steht Recaro heute?


Mark Hiller: Unsere Aufträge sind derzeit um 30 Prozent zurückgegangen, und es werden vermutlich weitere Einbußen mit einer gewissen Zeitverzögerung zum Tragen kommen. In unserem Werk in Forth Worth in den USA haben wir die Belegschaft von 500 auf 400 Mitarbeiter reduzieren müssen, ansonsten ist unsere Mitarbeiterzahl mit weltweit jetzt 2.700 noch konstant.

Es ist für uns nach der Krise wahrscheinlich noch wichtiger als vorher, dass wir global aufgestellt und in allen Märkten vertreten sind, aber eben nicht abhängig von einzelnen Märkten. Damit können wir die Markterholung und Produktion ausbalancieren. In Asien ist gerade mehr Bewegung drin als auf anderen Kontinenten, und daran können wir durch unseren Standort in China partizipieren.

aero.de: In welchen Bereichen findet denn derzeit für Recaro noch Geschäft statt?

Hiller: Es ist deutlich weniger Geschäft als zuvor, aber es gibt drei wichtige Bereiche. Der eine sind Entwicklungsprojekte, wo wir mit Kunden zusammenarbeiten, die auch an solchen Projekten festhalten. Da ist die Entwicklungszeit oft zwölf oder 24 Monate, das läuft weiter. Und wir haben mit der Arbeit an Innovationen viel zu tun. Da generieren wir kurzfristig zwar keinen Umsatz, das ist aber für die Zukunft wichtig.

Das zweite Feld sind Airlines, die Flugzeuge vorzeitig an Leasingfirmen zurückgeben und die Kabinen dafür auf eine bestimmte Konfiguration bringen und/oder neue Sitze installieren müssen. Da spielen unsere kurzen Lieferzeiten und unsere Zuverlässigkeit eine große Rolle.

Drittens gibt es Airlines, die sich trotz Krise keine Sorgen um ihr Überleben machen und gestärkt daraus hervorgehen wollen. Die nutzen die teure Liegezeit der Flugzeuge für Umrüstungen. Natürlich gibt es einige Aufträge die gestreckt worden sind, was unter Umständen auch zu einer Stornierung führen könnte. Üblicherweise beträgt bei neuen Flugzeugen der Produktzyklus von Sitzen sechs bis acht Jahre, deswegen fällt so etwas auch erst mal nicht weg. Das könnte bei der A380 anders aussehen.

aero.de: Hat Recaro noch laufende Aufträge für A380-Sitze?


Hiller: Ja, und es ist noch nicht klar wie es damit weitergeht. Ich gehe aber davon aus, dass die vor der Krise diskutierten Effizienzsteigerungen der A380, etwa mit elf Sitzen pro Reihe in Economy an Stelle von bisher zehn, jetzt hinfällig sind.

Und wenn es wirklich zu größeren Stilllegungen bei der A380 und der Boeing 747 kommt und sie die Flotten verlassen, was sich abzeichnet, wird das natürlich den Bedarf an zusätzlichen kleineren Flugzeugen als Ersatz steigern. Klar ist, dass die Krise die Stilllegungsraten generell beschleunigt.

aero.de. Einige Hersteller tun sich gerade mit Sitzdesigns für Social Distancing an Bord hervor. Plant Recaro auch so etwas anzubieten?


Hiller: Wir haben viele Konzepte entwickelt, ein Teil davon stammt aus der Vergangenheit, im Fokus stehen die Verbesserung der Privatsphäre und mehr Abschirmung. Das prüfen wir gerade mit Airlines und Flugzeugherstellern, welche Konzepte am erfolgversprechendsten sind.

Viele Airlines sind an Lösungen interessiert, die man relativ schnell einrüsten, aber auch genauso schnell und sehr einfach wieder entfernen kann. Das ist wichtig, weil solche Lösungen natürlich zusätzlich Gewicht und Komplexität bedeuten und damit möglicherweise weniger Kapazität. Bisher sehen wir jedenfalls keinen Trend bei Forderungen von Airlines zur nachhaltigen Produktveränderung im Kontext des Social Distancing.

aero.de: Hat der Mittelsitz in der Luftfahrt eine Zukunft?

Hiller: Das ist ein großes Thema, das über die Luftfahrt weit hinausgeht und genauso Restaurants oder öffentlichen Nahverkehr betrifft. Das muss durch eine Corona-Impfung oder Immunität gelöst werden, sonst ist das nicht denkbar. Von daher hat der Mittelsitz langfristig eine Zukunft, auch wenn er jetzt vielleicht in Schwierigkeiten ist. Aber aus ökonomischen und ökologischen Gründen kann man nicht darauf verzichten.

aero.de: Welche innovativen Ideen hat Recaro im Köcher, um das Fliegen in der Corona-Ära zu verbessern?


Hiller: Wir diskutieren mit den Airlines bereits über eine relativ große Zahl an Möglichkeiten. Um ein Beispiel zu nennen: bei antibakteriellen und antiviralen Beschichtungen etwa von Armlehnen und Tischen lässt sich einiges machen, auch um die Kabinenreinigung zu vereinfachen. Solche Dinge waren vielleicht in der Vergangenheit auch schon im Produkt drin aber man hat es nicht explizit vermarktet.

Ähnlich wie bei der durch Partikelfilter gereinigten Kabinenluft, die es bisher auch schon gab. Heute muss man vielleicht diese Dinge besser erklären und vermarkten. In der Beschreibung solcher Einrichtungen können wir als Branche noch mehr tun, um dem Passagier ein besseres Sicherheitsgefühl an Bord zu geben in der Corona-Zeit.

aero.de: Wann wird sich der Luftverkehr und damit auch die Nachfrage für die Zulieferer erholt haben?


Hiller: Es gibt da zwei Zyklen - wann ist der Luftverkehr zurück, und wann die Investitionsbereitschaft. Ich denke in einem Jahr wird der Luftverkehr auf einem guten Niveau zurück sein. Aber für die Zulieferer könnte es trotzdem noch ein Jahr länger dauern, bis die Airlines wieder in größerem Umfang investieren.

Es wird sicher auch in unserer Branche zu einer Marktbereinigung kommen weil es Wettbewerber gibt, die schon vor der Krise schlecht aufgestellt waren.

Das Gespräch führte Andreas Spaeth
© aero.de, Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 30.05.2020 16:02


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