Boeing-Embraer
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Embraer E190-E2, © Embraer

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SÃO PAULO - Am 24. April hätte Boeing Brasil als starke Konkurrentin des Airbus A220 in den Markt eintreten sollen. Für Boeing wäre dann eine Überweisung von gut vier Milliarden US-Dollar an Embraer fällig gewesen. Die hat der US-Flugzeugbauer sich mit dem Ausstieg aus dem Deal gespart. Gratis kriegt er ihn dennoch kaum.

"Embraer wird alle Rechtsmittel einlegen, um von Boeing eine Entschädigung für die unrechtmäßige Kündigung und Verletzung des Mid-Term-Agreements (MTA) einzufordern", teilt das Embraer-Management mit.

Einen kostspieligen Rechtsstreit zwischen den beiden Flugzeugbauern wird es in jedem Fall geben - austragen werden sie ihn vermutlich in den USA, so wie sie es im MTA vereinbart hatten. Die Richter werden entscheiden müssen, welche der beiden Streitparteien die Frist für den Abschluss des Geschäftes verschleppt hat.

Bis zuletzt liefen Medienberichten zufolge Verhandlungen zwischen Embraer und Boeing, die auf eine Verlängerung der Frist über den 24. April hinaus abzielten. Neben der nötigen Zustimmung der EU-Wettbewerbshüter fehlten demnach noch weitere Voraussetzungen, um das Geschäft abzuschließen.

Darüber, welche das waren, hüllen sich beide Flugzeugbauer in Schweigen. Fakt ist, dass Embraer bereits hohe Summen in die Umsetzung des MTA investiert hat. Seit Monaten arbeitete das Management daran, die Zivilflugzeugsparte von den anderen Geschäftsbereichen zu trennen - auch räumlich. Der Umzug der Produktion in ein anderes Stadtviertel war Teil der Vorbereitung.

Brasilianische Medien beziffern die bisherigen Kosten auf knapp 500 Millionen brasilianische Reais (rund 90 Millionen US-Dollar). Plus zehn Millionen US-Dollar monatlich, die durch die Verzögerung des Geschäftes entstanden sein sollen. 

Eine Verzögerungstaktik wirft das Embraer-Management nun den ehemaligen Geschäftspartnern vor. "Embraer ist fest davon überzeugt, dass Boeing falsche Anschuldigungen gegen Embraer als Vorwand nutzt, um seinen Verpflichtungen zu entgehen und die vier Milliarden US-Dollar nicht bezahlen zu müssen", heißt es in der Mitteilung.

Unter normalen Umständen scheint die Fristverlängerung eines komplexen Geschäftes, wie es das Joint Venture zwischen Boeing und Embraer darstellte, als Formsache. Doch in der Kummulation der 737 MAX- und der Covid-19-Krise steht mit dem Rücken zur Wand. 

Embraer-Chef Francisco Gomes Neto sieht sein Unternehmen trotz der widrigen Umstände gut aufgestellt. "Wir bedauern das Ende der Kooperation sehr", sagte er in einer Video-Botschaft an die Mitarbeiter. 

"Aber wir werden stabil weiterarbeiten. Embraer ist ein effizientes Unternehmen mit unterschiedlichen Geschäftsbereichen und einem international anerkennten Team von Ingenieuren." Ihm zufolge verfügt Embraer über genügend Mittel und offene Kreditlinien, um die Krise zu überstehen. 

Es wäre nur eine von vielen in der Geschichte Embraers, alle hat der Hersteller kleiner Passagierflugzeuge überstanden. Tatsächlich könnte die Covid-19-Krise einigen Branchenkennern zufolge die Nachfrage nach effizienten 90-150-Sitzern mittelfristig steigern.

Ob Embraer seine "Profit Hunter" der E2-Familie dann auf eigene Faust vermarktet oder gemeinsam mit einem anderen Partner, zum Beispiel aus China, bleibt abzuwarten.
© aero.de (boa) | Abb.: Embraer | 27.04.2020 12:36


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