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Covid-19-Krise dürfte MTU um Jahre zurückwerfen

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MTU hat in München einen Triebwerksdemonstrator auf Basis eines PW1500G erprobt, © MTU

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MÜNCHEN - Die existenzbedrohende Lage vieler Fluggesellschaften in der Covid-19-Krise bedroht auch das Geschäft des Triebwerksbauers MTU. Dennoch rechnen Analysten mit keinem einzigen Verlustjahr für den Konzern. Ende April legt das Management die Zahlen für das erste Quartal vor. 

Die Folgen der Corona-Pandemie haben den Betrieb von Fluggesellschaften in aller Welt größtenteils lahmgelegt. Weil viele Airlines ums Überleben ringen, müssen Flugzeughersteller wie Airbus und Boeing und damit auch Triebwerksbauer wie General Electric, Pratt & Whitney, Rolls-Royce und MTU um ihre Aufträge fürchten. Derzeit kann kaum eine Fluggesellschaft neue Jets gebrauchen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr erwartet, dass die Airline-Branche erst im Jahr 2023 wieder das Niveau aus der Zeit vor der Krise erreicht. Allein die Flotte des Lufthansa-Konzerns dürfte um 100 Maschinen schrumpfen. Der Flugzeugbauer Airbus fährt seine Produktion von Passagierjets angesichts des zumindest vorläufig geringeren Bedarfs bereits um ein Drittel zurück. Ob das ausreicht, ist offen.

MTU ist bei dem bisher stark gefragten Getriebefan-Antrieb für die Airbus-Mittelstreckenjets der Modellfamilien A220 und A320neo dick im Geschäft, außerdem beim Boeing-Langstreckenjet 787 "Dreamliner" und bei der modernisierten Boeing 777X, die in diesem Jahr ihren Jungfernflug hatte. 

Insidern zufolge wird Boeing die Produktion des "Dreamliners" jedoch wegen der Krise um die Hälfte zurückfahren, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete. Dies werde Boeing bei der Vorlage der Quartalszahlen am 29. April bekanntgeben - einen Tag vor der Quartalsbilanz von MTU.

Die weltweiten Reisebeschränkungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie treffen das Langstreckengeschäft der Airlines noch stärker als Flüge innerhalb einzelner Länder und Kontinente. 

Experten erwarten, dass bei einer schrittweisen Lockerung zunächst Inlandsflüge, später Kurz- und Mittelstreckenflüge und erst zuletzt Interkontinentalflüge wieder starten werden. Das dürfte Auswirkungen auf die Bestellungen von Flugzeugen und Triebwerken haben.

Bisher musste MTU wegen der Pandemie die Produktion bereits für drei Wochen unterbrechen. Hinzu kommt ein Geschäftsrückgang bei der Wartung von Triebwerken. Fluggesellschaften fahren wegen ihrer Finanznot weniger dringende Ausgaben zurück.

Gewinnprognose zurückgezogen

Die MTU-Spitze hat ihre Gewinnprognose für 2020 wegen der Corona-Krise Ende März kassiert. Noch Mitte Februar, als das Virus Europa schon erwischt hatte, hatte sich Vorstandschef Reiner Winkler recht zuversichtlich gezeigt, den Umsatz um einen hohen einstelligen Prozentsatz nach oben und damit erstmals über die Marke von fünf Milliarden Euro zu treiben. Der bereinigte operative Gewinn sollte ähnlich stark auf rund 820 Millionen Euro steigen.

Inzwischen sind diese Pläne Geschichte. Statt die Dividende nach dem Rekordjahr 2019 deutlich anzuheben, will MTU sie jetzt streichen. Ende März unterbrach das Unternehmen seine Produktion und fährt sie inzwischen schrittweise wieder hoch. Auf welches Niveau ist noch nicht bekannt.

Für den Standort München gilt seit dem 20. April Kurzarbeit, anfangs sollten rund 20 Prozent der Beschäftigten wieder arbeiten. Wie es weitergeht, macht MTU von der Nachfrage und den eigenen Zulieferern abhängig. Inzwischen soll auch das Wartungsgeschäft in Hannover und Ludwigsfelde wieder anlaufen. Auch hier hat MTU Kapazitätsanpassungen und Kurzarbeit im Auge.

Wenig Auswirkung im ersten Quartal

Für das erste Quartal erwarten vom Unternehmen befragte Branchenexperten noch vergleichsweise geringe Auswirkungen der Krise auf das Geschäft von MTU. Im Schnitt gehen die 18 Analysten von einem Umsatz in Höhe von 1,24 Milliarden Euro aus, rund 22 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 

Der bereinigte operative Gewinn (bereinigtes Ebit) dürfte um sechs Prozent auf 176 Millionen Euro gesunken sein. Beim bereinigten Überschuss erwarten sie einen Rückgang um 15 Prozent auf 114 Millionen Euro.

Heftiger dürften die Einbrüche im Rest des Jahres und darüber hinaus werden. So rechnen die Analysten für 2020 im Schnitt mit einem Umsatzrückgang um 19 Prozent auf 3,75 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr dürften die Erlöse zwar auf vier Milliarden und im Jahr 2022 auf knapp 4,5 Milliarden Euro steigen - aber auch damit noch hinter dem Niveau von 2019 zurückbleiben.

Ähnliches gilt für die Gewinnentwicklung. Für 2020 erwarten die Analysten im Schnitt ein bereinigtes operatives Ergebnis von 484 Millionen Euro. Im nächsten Jahr dürfte das bereinigte Ebit auf 596 Millionen und dann auf 721 Millionen Euro zulegen. 

Immerhin droht dem Unternehmen nach Einschätzung der Analysten trotz der Krise kein einziges Verlustjahr. Allerdings bleibt die Unsicherheit über die künftige Entwicklung groß.

Das auf die Luftfahrtbranche spezialisierte Analysehaus Teal Group erwartet, dass der Einbruch des Fluggeschäfts die Nachfrage nach Flugzeugen auf Jahre hinaus belastet. Bei den Auslieferungen von Kurz- und Mittelstreckenjets dürfte das Vorkrisenniveau erst im Jahr 2024 wieder erreicht werden, schätzt Teal-Analyst Richard Aboulafia. Bei den größeren und teureren Langstreckenjets erwartet er eine vollständige Erholung allenfalls für die Zeit nach 2029.
© dpa | Abb.: Airbus | 28.04.2020 16:08


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