"Piloten haben alles richtig gemacht"
Älter als 7 Tage  

Neues zum Antonow-Unfall in Nowosibirsk

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Volga-Dnepr transportiert 787-Flügel, © Volga-Dnepr

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NOWOSIBIRSK -  Auf dem Airport Tomalchewo setzte am 13. November eine vollgetankte An-124 zur Notlandung an. Neue Details zum Geschehen legen nahe: Die Piloten lieferten eine Glanzleistung ab.

Die Runway reichte nicht: Fast 300 Meter schoss Volga Dnepr-Flug VI4066 bei der Landung über die 3,6 Kilometer lange Piste 25 von Tomalchewo. Dabei verlor die riesige An-124 ihr Bugfahrwerk, setzte sich bäuchlings in den Schnee und kam nach bangen Sekunden endlich zum Stehen.

Erste Fotos vom Unfallort zeigen die weiß lackierte Maschine mit geborstenem Triebwerk unter der linken Fläche, Rumpf und Flügelwurzel übersät mit Löchern. Eindrucksvolle Bilder, die schnell suggerieren: Hier geht es nicht allein um einen "Runway Overrun". Hier muss sich schon davor Dramatisches ereignet haben.

Explosion und Stromausfall

Wenige Minuten vorher war die Antonow mit der Kennung RA-82042 in Tomalchewo gestartet. Ziel sollte Wien sein, 4500 Kilometer westlich von Nowosibirsk. 14 Besatzungsmitglieder und 84 Tonnen Autoteile, tags zuvor aus Seoul abgeholt, hatte der Frachter an Bord, dazu eine entsprechend große Menge Sprit.

Doch schon kurz nach dem Start, so schildert es Kapitän Jewgeni Solowjew hinterher im Interview, zerfallen sämtliche Pläne für diesen Tag schlagartig in ihre Einzelteile: In 300 Metern Höhe, mitten im Steigflug, vernimmt die Crew plötzlich einen lauten Knall.

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Triebwerk Nummer 2, backbord innenliegend, explodiert. Trümmerteile regnen zu Boden, andere bohren sich wie Geschosse durch Rumpf und Flügelwurzel, durchtrennen Kabelstränge und Hydraulikleitungen. Der Kontakt zum Tower bricht ab, am Funk herrscht Totenstille. Stromausfall.

Kapitän Solowjew handelt blitzschnell: Er schickt das havarierte Flugzeug in eine 180-Grad-Kurve, leitet eine Notlandung ein. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Antonow rund 550 Meter über Grund, die Landeklappen noch in Startstellung. Auch sie sind ausgefallen.

Ohne Instrumente und ohne Funkkontakt, so Solowjew, schiebt sich die riesige Maschine zurück nach Tomalchewo, umfliegt den Airport im Gegenanflug und dreht dann zur Landung auf Runway 25 ein.

Solowjew und seine Crew setzen die An-124 sicher auf, doch ohne Schubumkehr und Bremsen schaffen sie es nicht, die schwere Maschine vor Ende der Landebahn zum Stehen zu bringen. Videos der Landung zeigen, wie beim Überschießen der Bahn das Fahrwerk wegknickt und die RA-82042 weiter durch den Schnee pflügt.

"Piloten haben alles richtig gemacht"

Dass bei diesem Drama trotz alledem niemand zu Schaden kommt, werten russische Experten im Nachgang als heroische Tat der Crew. Gegenüber der Zeitung Komsomolskaya Prawda erklärt der Testpilot Anatoli Nikolajewitsch Knyschow: "Die Piloten sind wahre Helden."

Für ihr Manöver hätten sie nur zwei bis drei Minuten Zeit gehabt. Zudem sei eine 180-Grad-Kurve in geringer Höhe und mit einem havarierten Flugzeug äußerst anspruchsvoll. "Die Piloten machten alles richtig und landeten wieder auf der Landebahn. Und das trotz der Tatsache, dass sie noch Fracht an Bord hatten", so Knyschow.

Dass sie nicht rechtzeitig zum Stehen kamen, sei kein Verschulden der Crew, sondern eine Folge der Triebwerksexplosion, die auch das Bremssystem beeinträchtigt habe. Die Piloten hätten es geschafft, das Flugzeug von bewohntem Gebiet fernzuhalten, sich selbst und sogar die Fracht zu retten. "Lassen Sie sie also nach Hause gehen und jeweils 'sto gram' Wodka trinken."
© FLUGREVUE - Patrick Zwerger | 16.11.2020 12:08

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Beitrag vom 17.11.2020 - 12:39 Uhr
Ganz gleich wie viele Leute da vorne mitmischen: Die sind sicherlich eingespielt und haben mögliche Notfälle bereits häufiger durchgespielt. Aber trotzdem ein tolle Leistung wenn es in der Praxis dann ein Happy End gibt.
Beitrag vom 17.11.2020 - 00:40 Uhr
Erstmal würde ich empfehlen nachzulesen was FADEC überhaupt ist. Des Weiteren ist so etwas in einer An-124 (oder ähnlichen alten Mustern rus. Bauart) nicht verbaut.
Und man mag es vielleicht kaum glauben,aber in diesen Flugzeugen sitzt u.a. noch ein Flugingenieur der die Triebwerke bedient. Bei Start und Landung schiebt der PIC die Schubhebel nach vorne und behält auch die Hand drauf für den eventuellen Startabbruch. Der F/I justiert aber die einzelnen Triebwerke (z.B. um die EGT einzufangen )nach.
Dafür hat er oftmals in seinem Pult (kenne es z. B. aus der TU154) eigene Schubhebel vor seinen ganzen 'Eieruhren‘.
Es ist halt kein Zweimann Airbus Cockpit und die Zusammenarbeit läuft halt komplett anders.
Und die Schubhebel sind old fashioned per 'Seilzüge' verbunden. Bin früher mal eine 'alte' vierstrahlige Kiste geflogen...da konnte man nicht nur an den Instrumenten die Vibrationen des Triebwerks ablesen,sondern auch entsprechend am Schubhebel spüren. Mit FADEC geht das natürlich nicht mehr ;-)
Beitrag vom 16.11.2020 - 23:09 Uhr
Das bezog sich auf den ersten Kommentar mit der Frage eines vollständigen Instrumentenausfalls. Den halte ich da sehr gut für möglich. Einfach aufgrund dessen, weil die Triebwerksfragmente dort eingeschlagen sind, wo sich ein begehbarer Raum mit Avionics-Racks befindet.

Das wäre wirklich äusserst seltsam, wenn nicht einmal mehr Standby-Instrumente funktionieren würden (welche z.T. rein barometrisch sind). Ich vermute, dass auch russische Ingenieure daran gedacht hatten, nicht ALLE Leitungen am selben Ort durch zu führen. Es kann sein, dass ein Grossteil ausgefallen war, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht alle Instrumente! ... selbst bei einer uralten Antonov...!

Zu der Triebwerkssteuerung kann ich nichts sagen, ich vermute aber hier nichts im Sinne von FADEC (Full Authority Digital Engine Control - korrigiert mich). Bei sechsköpfiger Cockpitcrew kümmert sich ein Mensch persönlich um die Triebwerke.

Sorry, jetzt muss ich wirklich lachen... stellt Euch vor, der Captain sagt: "So, Herr Genosse Triebwerksbediener, jetzt ein bisschen mehr Schub!" Dann fragt der Triebwerks-Bediener nach: "Sorry, war gerade zu laut, was hatten Sie gesagt, Genosse Kapitan?" - "Mehr Schub bitte!" - "Kommt sofort!" - "Nein, das war zu viel, Genosse Triebwerks-Bediener!" - "Oh, Verzeihung, nehme etwas zurück. Und dann gehe ich nochmal raus auf die Tragflächen um die Motoren zu schmieren, ok?"

Also, auch hier behaupte ich, dass die Piloten schon noch selbst Einfluss auf die Schubregelung hatten, auch bei Ausfall eines Grossteils der elektrischen Versorgung. Sie wären sonst schlichtweg abgestürzt...


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