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Neue Eurowings – Lufthansa tastet sich an Günstigflüge heran

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Neue Eurowings mit Airbus-Flotte, © Lufthansa

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DÜSSELDORF - Nach Austrian Airlines, operated by Tyrolean, will nun auch Lufthansa selbst mit den günstigen Strukturen eines Regionalfliegers der Billigkonkurrenz Paroli bieten. Eurowings, einst hervorgegangen aus den Miniairlines NFD und RFG, soll im Konzern in Europa für Wachstum sorgen.

Mit ihrer Flotte von 23 Canadair CRJ-900 fliegt Eurowings derzeit 40 Prozent billiger als die nach Konzerntarifvertrag (KTV) bereedernde Lufthansa. Das "Wingskonzept" vom neuen Konzernchef Carsten Spohr gibt der Regionalflotte ein Ablaufdatum und wertet die kleine Eurowings zu einem Zentrum des Lufthansa-Flugbetriebs auf.

Ihre CRJ-900 sollen ab Frühjahr 2015 schrittweise durch 23 Airbus A320 ersetzt werden. Lufthansa verspricht sich davon unter anderem Teilhabe am stark wachsenden Paneuropa-Markt.

Gleichzeitig wird Eurowings, mit einer Holding außerhalb Deutschlands, die Dachmarke für alle Direktverkehre der Mutter bilden. Unter ihren Fittichen: die erst 2013 umgebaute Germanwings und eine neue Langstreckentochter mit dem AOC des Ferienfliegers SunExpress Deutschland.

Hinter der "Wings-Idee" steht eine Rechnung, die für etablierte Billigflieger tagtäglich aufgeht: niedrige Kosten = günstigere Tarife = volle Flugzeuge und neue Marktanteile = gleich mehr Ertrag. Lufthansa will dieses gut skalierbare Erfolgsmodell jetzt kopieren.

"Die Neue Eurowings ist unsere Antwort auf die Herausforderung, der Europas Fluglinien entgegensehen", machte Spohr seinem Aufsichtsrat das Konzept am Mittwoch schmackhaft. Als Antwort kann man das durchaus stehen lassen, aber ist das auch die Lösung für die Probleme der Lufthansa?

Die Vorbilder Easyjet und Ryanair fliegen maßgeschneiderte Betriebsmodelle mit hocheffizientem Material- und Personaleinsatz in Märkten, die ihre 180-Sitzer täglich füllen. Eurowings verfügt derzeit weder über diese Märkte noch über genug Mitarbeiter, die eine Günstig-DNA mittragen.

Die neue Eurowings-Gruppe bedeutet einen weiteren Rückzug der Lufthansa aus dem fragilen Regionalgeschäft und mit rund 80 Flugzeugen den Einstieg in ein neues Airlinesegment, das die "Big Five" im europäischen Lowcost-Geschäft - Ryanair, Easyjet, Vueling, Norwegian und Wizzair - bereits mit über 800 Flugzeugen sehr erfolgreich abschöpfen.

Gegenwind droht der neuen Lufthansa-Sparte aber nicht nur am Markt, sondern vor allem aus den eigenen Reihen: mit dem Rückbau der Mainline-Europaflotte müssten eigentlich hunderte Crews und Techniker in den billigeren Eurowings-Verbund wechseln.

In den Flugzeugen des Lufthansa-Konzerns arbeiten derzeit insgesamt knapp 9.100 Piloten, von denen rund 5.400 nach Konzerntarifvertrag bezahlt werden. Im aktuellen Tarifkonflikt geht es um die Übergangsrenten dieser 5.400 Piloten, aber zumindest im Hintergrund auch um den künftigen Kurs des Dax-Konzerns mit dem Ausbau des Billigangebots.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) äußerte zwar scharfe Kritik am Billig-Konzept, will es aber nach den Worten ihres Sprechers Jörg Handwerg "nicht wegstreiken". Gelingt es der Vereinigung Cockpit jedoch, einen konzernweiten Tarifvertrag durchzusetzen, dann wackelt das ganze Wingsmodell.

Selbst Spohr glaubt nicht daran, dass seine Crews freiwillig den KTV-Bereich verlassen werden. Kein Germanwings-Pilot müsse zu Eurowings wechseln, stellte Spohr vorsorglich klar.

Wie unverträglich ein KTV-Splitting auf Dauer sein kann, hat sich bei der Konzerntochter Austrian gezeigt. Nach zwei Jahren harter Verhandlungen fliegen seit 1. Dezember alle Crews unter einem einheitlichen, nun deutlich günstigerem KTV. Ein "Sieg der Vernunft", der laut AUA-Betriebsrat unter den gegebenen Herausforderungen das Machbare widerspiegelt, und der Airline teure Arbeitskämpfe erspart hat.

Aufsichtsratmitglieder zweifeln am Erfolg günstiger Langstrecken

Spohr steht nun vor der Mammutaufgabe, den Verbund aus Regional-, Günstig- und Ferienfliegern in kürzester Zeit so zu strukturieren, dass Eurowings zumindest einen Teil ihres 40-prozentigen Kostenvorteils in den neuen Betrieb rettet.

Das geplante Lowcost-Langstreckengeschäft macht die Aufgabe dabei sicher nicht einfacher, zumal die Billigkonkurrenz auch hier bereits einen Schritt vorausdenkt: Norwegian will ab 2017 aus der europäischen Fläche heraus Langstrecken mit kleinem aber leistungsfähigen Boeing 737 MAX-Gerät fliegen.

Im Aufsichtsrat soll am Mittwoch sogar die Kapitalseite Spohrs Ansatz für die günstigen Langstrecken als zu halbherzig kritisiert haben. Die von Piloten und auch einige von anderen Arbeitnehmergruppen in das Gremium entsandten Vertreter stimmten, so heißt es, wenig überraschend gegen die Pläne.

"Das kann nicht funktionieren, weil wir unsere eigenen Preise kannibalisieren", monierte VC-Sprecher Jörg Handwerg bereits vor der Sitzung.

Wie zumindest der Einstieg in den europäischen Günstigflugmarkt erfolgreich funktionieren kann, hat im Vorjahr die britisch-iberische IAG gezeigt. Mit dem Ankauf der bestens aufgestellten Vueling gelang der Gruppe ein fulminanter Start ins Lowcost-Geschäft.

Vuelings Operation-Chef Fernando Val brachte das Erfolgsgeheimnis der Airline im Frühjahr zum Autor dieses Beitrags auf den Punkt: "Wir tun, was wir am besten können." Bis heute ohne einzigen Streiktag.
© Bob Gedat mit Dennis Dahlenburg | Abb.: Lufthansa | 05.12.2014 19:20

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Beitrag vom 10.12.2014 - 09:31 Uhr
Es ist doch schon immer so, dass man an einen vernünftigen Job im Cockpit bei einer Airline die angemessen bezahlt nur kommt, wenn man genug Flugstunden, am besten auf dem eingsetzten Muster mitbringt. Alle die ihre Lizenz komplett selbst bezahlt haben werden bestimmt dazu etwas sagen können, wie schwer es ist einen guten Job im Cockpit zu bekommen. Auch wenn man bei DLH nicht in den Genuss des KTV kommt und bei einer Airline im Verbund einen Platz im Cockpit bekommt, kann man sich glücklich schätzen! Man bekommt Typeratings, kommt auf seine Flugstunden, ein gutes Gehalt und man kann sich in etwa ausrechnen was die Zukunft bringt.
Übrigens, bei CLH kann man jetzt dann auch 340 fliegen...
Beitrag vom 10.12.2014 - 09:19 Uhr
@dhu1976 und big_stress:

Um hier jetzt doch einmal eine Lanze für die zukünftigen Kollegen zu brechen: Grundsätzlich ist es sicherlich so, dass ein Konzern bestimmen kann wie, wo und ob seine Auszubildenden später eingesetzt werden.

In diesem speziellen Fall halte ich es jedoch für sehr bedenklich wenn bei der Bewerbung nach wie vor mit einem Arbeitsplatz im Konzerntarifvertrag nach zwei Jahren Ausbildungszeit geworben wird. Auch dem Konzern ist bekannt, dass die durchschnittliche Ausbildungszeit, dank Wartezeiten mittlerweile eher bei 4 Jahren liegt, Tendenz steigend und die Chancen Flugschülern in absehbarer Zeit einen (wie eben bei der Bewerbung angekündigten) KTV-Arbeitsplatz anzubieten verschwindend gering bis kaum vorhanden sind. Trotzdem wird weiter mit den oben genannten Werten um junge Leute frisch vom Abitur weg geworben.

Verschlimmert hat sich die Situation weiterhin dadurch, dass nach Umstellung der Lizensierung (ATPL wurde in MPL umgestellt) sich eine Bindung an den Flugbetrieb ergibt bei dem auch die Ausbildung absolviert wurde. Heißt, dass auch fertige Flugschüler in jahrelangen Wartezeiten keine Chance haben einen (wie auch immer gearteten) Arbeitsvertrag auf dem freien Markt zu erlangen. Sie sind mit Beginn der Ausbildung auf Gedeih und Verderben an den LH-Konzern gefesselt.

Ich bin voll und ganz der Meinung, dass sich Situationen ändern, sich Flugbetriebe ändern und damit auch Einstiegsoptionen, aber dann muss dies auch seitens des Konzerns ehrlich und transparent wiedergegeben werden. Sonst besteht die Gefahr, dass gerade die Gruppe die am wenigsten Möglichkeiten hat (keinen Arbeitsvertrag, kein Gehalt, nen Haufen Schulden und eine nutzlose, weil eingeschränkte Lizenz) getäuscht und ausgenutzt wird.

Ich bin immer noch überzeugt, dass Fliegen der beste Job der Welt ist (zumindest für mich) und ich bin auch immer noch überzeugt, dass die LH-Gruppe grundsätzlich zu den guten Arbeitgebern gehört, aber ob ich in der aktuellen Situation Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen raten würde sich dort für die Ausbildung zu bewerben? Wenn dann nur mit sehr viel Geduld, starken Nerven und einem guten Plan B in der Tasche.

Dieser Beitrag wurde am 10.12.2014 09:22 Uhr bearbeitet.
Beitrag vom 08.12.2014 - 16:54 Uhr
Seba394 "Und annähernd 1000 Flugschülern wurde jegliche Perspektive genommen..."

Hallo, dann musst du was anderes machen. Ganz einfach. Ist schon vielen anderen passiert mir auch. Gibt keinen Schiff-, Bergbau und keine Händyproduktion mehr.

Und Piloten sind doch so toll, ´nen Test bestanden, Kohle für die Ausbildung selber bezahlt. Euch steht die Welt doch offen.

Guck dich mal um. Es gibt noch andere Kanzeln (werde Pastor, hast du auch Wochenenddienst).

Checklisten gibt´s z.B. als Weddingplanner.

Steuerknüppel haste am Bagger.

Studier BWL; zeigs denen mal wie Airliner geht.

Nur; Schlekkerfrau kannst du schlecht werden Sebastian.

Junge (du bist 20 nicht?) lass dich in den Arm nehmen; du hast eine Perspektive, du siehst sie nur nicht.


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