Krise
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Flughäfen zwischen Hoffnung und Unplanbarkeit

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Allgäu Airport, Vorfeld und Terminal, © Flughafen Memmingen

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DORTMUND - Bund und Länder wollen den Flughäfen in der Coronakrise noch einmal unter die Arme greifen. Eine willkommene Hilfe zusätzlich zur Kurzarbeit, wie Flughafenbetreiber aero.de einstimmig mitteilen. Sowohl kleinere als auch große Airports hoffen auf Rückenwind von der Sommersaison.

Trotz des zeitweise um über 90 Prozent gesunkenen Reiseverkehrs konnten Flughäfen im vergangenen Jahr nicht komplett schließen: Die Infrastruktur für Warenverkehr und Sanitätstransporte musste aurechterhalten werden. Daraus entstandene Vorhaltekosten hoffen Betreiber nun von Bund und Ländern zurückerstattet zu bekommen.

Zwischen sechs und acht Millionen Euro waren das etwa im Fall des Flughafens Stuttgart pro Monat, wie die Flughafen Stuttgart GmbH auf aero.de-Anfrage mitteilt.

"Für das Jahr 2021 würde es uns deutliche Erleichterung verschaffen", sagte der Marketingchef des Flughafens Friedrichshafen Wolfgang John Ende Januar zu aero.de. "Aufgrund der aktuellen Entwicklung durch Mutationen des COVID-19 Virus verschlechtert sich die Situation für alle Airports in Deutschland und Europa weiterhin dramatisch." Am 5. Februar hat der Flughafen Insolvenz angemeldet.

Wie hoch die Bund-/Länderhilfen für die einzelnen Flughäfen ausfallen werden, ist noch unklar. Laut dem Sprecher des Albrecht Dürer-Flughafens Nürnberg, Christian Albrecht, sollen die Umsatzausfälle des 2. Quartals 2020 ausgeglichen werden.

Sommer weitgehend unplanbar

Neue Virusvarianten, neue Reisebeschränkungen, schleppender Impfstart: auch mittelfristig stellt sich die Planung für Flughafenbetreiber schwierig dar. Alle Angaben zur Sommersaison treffen sie daher unter Vorbehalt.

Der Flughafen Memmingen rechnet laut Sprecherin Marina Siladji aktuell damit, dass Ryanair, Wizzair, Pobeda, Peoples und SkyUP dort Flüge im Sommer anbieten werden.

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Albrecht Dürer Airport Nürnberg, © Airport Nürnberg/J. Kummer

Dortmund plant derzeit für den Sommer mit regelmäßigen Flügen von Wizz Air, Eurowings, Easyjet, Ryanair, Sunexpress und SKY Express - das ist laut Sprecherin Davina Ungruhe eine Airline mehr als im vergangenen Jahr (SKY Express).

In Hamburg haben sich bisher 45 Airlines für 105 Ziele angemeldet. "Letztes Jahr um diese Zeit waren für den Sommerflugplan 2020 55 Airlines und 120 Ziele geplant", sagte Flughafensprecherin Janet Niemayer aero.de.

Der Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden rechnet laut Geschäftsführer Uwe Kotzan für den Sommerflugplan 2021 bisher mit sieben Airlines und 4.606 Passagierflügen. Im Januar 2020 waren ihm zufolge für den Sommerflugplan 2020 neun Airlines mit 6.110 Passagierflügen angemeldet.

Mit einer konkreteren Planbarkeit rechnet Christian Albrecht vom Flughafen Nürnberg erst nach den bayrischen Osterferien. "Das Reisebedürfnis ist laut Buchungsanfragen auf Reiseportalen sehr hoch", sagte er aero.de. "Das sehen wir auch bei den Zugriffen auf unsere Website und im Austausch mit unserer Social Media-Community."

Keine betriebsbedingten Kündigungen

Trotz der anhaltenden Ungewissheit wollen und müssen die befragten Flughafenbetreiber auf weitere betriebsbedingte Kündigungen verzichten. "Durch den Abschluss eines Notlagen-Tarifvertrags für die deutschen Flughäfen im TVöD sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2023 ausgeschlossen", sagte Fraport-Sprecher Dieter Hulick.

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Luftbild Bodensee-Airport FDH , © Flughafen Friedrichshafen

4.000 der insgesamt 22.000 Stellen werden ihm zufolge "mithilfe verschiedener personalwirtschaftlicher Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich" abgebaut. Dazu zähle die Nutzung der natürlichen Fluktuation ebenso wie das Auslaufen von Zeitverträgen.

800 Stellen sollen mithilfe individueller Vereinbarungen überwiegend 2021 reduziert werden. Zusätzlich werden "im Rahmen des Freiwilligenprogramms bis Mitte 2021 rund 1.600 Beschäftigte das Unternehmen mit Abfindung oder einer Altersteilzeitregelung verlassen", sagte Hulick.

Wie bei den anderen Flughäfen befinden sich auch am Fraport die meisten Mitarbeiter in Kurzarbeit. Laut Dieter Hulick will der Betreiber dieses Instrument bis Ende 2021 nutzen.

Auch in Memmingen sind Mitarbeiter seit März 2020 in Kurzarbeit - und werden es laut Sprecherin Marina Siladji 2021 auch bleiben, "um betriebsbedingte Kündigen zu vermeiden und qualifizierte Mitarbeiter zu halten. So können wir bei mehr Flugbetrieb kurzfristig wieder hochfahren."

In Dortmund befinden sich aktuell zirka zwei Drittel der Belegschaft in unterschiedlichem Maß in Kurzarbeit - der Flughafenbetreiber will dieses Instrument noch bis mindestens zum Ende des Winterflugplanes nutzen.

84 Prozent der rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburg Airport Gruppe sind in Kurzarbeit, sie arbeiten laut Sprecherin Janet Niemayer durchschnittlich nur 31 % ihrer vertraglich geregelten Arbeitszeit. Bis 2023 sollen zudem 200 Stellen sozialverträglich abgebaut werden - ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Auch Karlsruhe/Baden-Baden hat für das Jahr 2021 noch Kurzarbeit beantragt, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. "Wir haben die Kurzarbeit für unsere Mitarbeiter aktuell verlängert", sagte auch der Sprecher des Flughafens Friedrichshafen. "Diese Maßnahme verschafft uns den Spielraum, keinem Mitarbeiter betriebsbedingt kündigen zu müssen."

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FRA Terminal 2, © Fraport

"Betriebsbedingte Kündigungen sind nach derzeitigem Stand nicht vorgesehen und während der Nutzung von Kurzarbeit auch nicht möglich", sagte Christian Albrecht vom Nürnberger Flughafen. "Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unseren Flughafen in Zeiten eines drastisch verringerten Verkehrsaufkommens zu stabilisieren und für die Zukunft zu sichern."

Weitere Einnahmeausfälle

Alle befragten Flughäfen sind darum bemüht, Lösungen mit ihren Mietern auch aus dem non-aviation-Bereich zu finden, damit diese durch die Krise kommen. Die Flughafen Stuttgart GmbH ist eigenen Angaben zufolge im Gespräch mit Gastronomen und Händlern im Terminal, um Unterstützung anzubieten.

"Unter den pandemiebedingten Einschränkungen für Reisebranche, Gastronomie und Einzelhandel leidet nicht nur die Flughafengesellschaft  selbst, sondern auch alle davon abhängigen Unternehmen am Standort", sagte HAM-Sprecherin Niemayer aero.de. "Der Flughafen geht daher sehr verantwortungsbewusst mit dieser nie dagewesenen Krise um, dies gilt selbstverständlich auch für den Umgang  mit seinen Partnern."

In den ersten neun Monaten 2020 ging der Umsatz des Segments "Retail & Real Estate" am Franfurter Flughafen um 39,4 Prozent zurück. Das EBITDA des Segments ging laut Sprecher Hulick um 46,2 Prozent zurück, und das EBIT um 60 Prozent. Grund waren ihm zufolge stark rückläufige Retail- und Parkierungserlöse infolge des massiven Passagierrückgangs. Die Erlöse im Bereich Real Estate waren hingegen nur leicht rückläufig.

"Wir befinden uns im fortwährenden Austausch mit unseren Konzessionären und arbeiten vor dem Hintergrund der jeweiligen vertraglichen Vereinbarungen und der wirtschaftlichen Lage des Mieters an Konzepten, wie wir diese besondere Herausforderung gemeinsam meistern können", sagte Hulick.
© aero.de (boa) | Abb.: Frraport, Memmingen Airport | 07.02.2021 10:12


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